Cholesterinsenker vom Statin-Typ und Mikronährstoffe

Eine Blisterpackung mit Statinen

Der jährlich steigende Bedarf an Langzeit- und Kombinationstherapien mit Arzneimitteln in der Bevölkerung mündet bekanntlich in einer Zunahme von Wechselwirkungen zwischen Arzneimitteln und essenziellen Mikronährstoffen. Daher sind Kenntnisse über Interaktionen für die praktische Arbeit mit Patienten von großer Bedeutung. Die Beachtung dieser Interaktionen vonseiten des Arztes und Apothekers mit daraus resultierender medikationsorientierter Supplementierung ist zunehmend ein Kriterium für eine gute Arzneimittelverordnungspraxis. Bild: rogerashford/iStock/Thinkstock

Statine und ihre Auswirkungen auf den Mikronährstoff-Haushalt

Weltweit zählen Statine zu den am häufigsten verordneten Medikamenten. Aufgrund der cholesterinsenkenden Wirkung haben sie sich seit Jahren in der Sekundärprävention von kardiovaskulären Erkrankungen (zum Beispiel Herzinfarkt, Schlaganfall) etabliert. Doch was auf der einen Seite für Patienten mit erhöhten Cholesterinwerten gut ist, hat für den Haushalt essenzieller Mikronährstoffe wie Coenzym Q10 oder Selen auch Folgen.

Problem: Coenzym Q10

Eine unerwünschte Begleitwirkung der Statine ist die Hemmung der körpereigenen Coenzym-Q10-Produktion. Cholesterin und Coenzym Q10 entstehen nämlich aus dem gemeinsamen Grundbaustein Mevalonat, der mithilfe des Cholesterin-Synthese-Enzyms aus dem Ausgangsstoff HMG-CoA gebildet wird. Da Statine wie Simvastatin oder Atorvastatin die Cholesterin-Synthese über eine Blockade des Cholesterin-Synthese-Enzyms hemmen, wird dadurch auch die Produktion des lebensnotwendigen Mikronährstoffs Coenzym Q10 unterbunden. Die Störung des Coenzym-Q10-Haushalts durch Statine ist in einer Reihe von klinischen Studien eindeutig nachgewiesen worden.

Expertenwissen

Wie die Marktrücknahme von Cerivastatin anschaulich zeigt, betrifft die gefährlichste unerwünschte Arzneimittelwirkung, die im Rahmen einer Statin-Therapie auftreten kann, die Skelettmuskulatur. Dabei reicht das Spektrum von einer leichten Muskelschwäche bis hin zur lebensbedrohlichen Rhabdomyolyse.

In der Datenbank der amerikanischen Arzneimittelbehörde wurden von Oktober 1997 bis Dezember 2000 insgesamt 772 Fälle von Statin-induzierten Rhabdomyolysen dokumentiert, von denen 387 unter Cerivastatin auftraten. Bis zur Marktrücknahme von Cerivastatin im August 2001 ereigneten sich unter der Therapie mit diesem Statin weltweit 52 Todesfälle.

Darüber hinaus haben aktuelle Studien gezeigt, dass Statine (zum Beispiel Rosuvastatin) die Kraftwerke unserer Zellen, die Mitochondrien, schädigen können und dadurch die Entstehung von Typ-2-Diabetes sowie Muskelschäden wie Muskelschmerzen und Nierenfunktionsstörungen wie Nierenversagen begünstigen. Dies wird ausführlich in den Leitlinien der europäischen Gesellschaft für Arteriosklerose aus dem Jahre 2015 beschrieben.

Coenzym Q10 (Ubiquinol/Ubiquinon) spielt eine zentrale Rolle bei der Energiegewinnung in den Mitochondrien. Dort wird mithilfe von Coenzym Q10 Nahrungsenergie in Zellenergie umgewandelt. Ein Statin-bedingter Mangel an Coenzym Q10 kann sich durch Symptome wie Abgeschlagenheit, Antriebsschwäche, Muskelschwäche und Muskelschmerzen bemerkbar machen. Auch die Hirnleistung und Funktion der Bauchspeicheldrüse werden durch eine Unterversorgung an diesem wichtigen Steuermann des Energiestoffwechsels in Mitleidenschaft gezogen.

In aktuellen Studien an Patienten, die mit Statinen therapiert wurden, konnte gezeigt werden, dass die begleitende Einnahme von Coenzym Q10 (zum Beispiel 100 bis 300 Milligramm pro Tag) nicht nur statinbedingte Störungen der Muskulatur wie Muskelschmerzen verringert, sondern auch treibende Faktoren der Arteriosklerose, wie Entzündungen und oxidativen Stress in den Gefäßen senkt. Bei Patienten mit Herzinsuffizienz konnte zudem durch die Kombination von Selen und Coenzym Q10 die Herzmuskelleistung deutlich verbessert und die kardiovaskuläre Sterblichkeit reduziert werden. Selen und Coenzym Q10 unterstützen sich bei der Steuerung des zellulären Energiestoffwechsels und der Entgiftung reaktiver Sauerstoffspezies.

Problem: Selen

Neben dem Coenzym-Q10-Stoffwechsel können Statine auch den Selenstoffwechsel stören. Der Zusammenhang besteht in einem gemeinsamen Schritt der Bildung von cholesterin- und selenabhängigen Eiweißen (Selenoproteinen). Die Blockade der HMG-CoA-Reduktase durch Statine reduziert nicht nur die Bildung des Cholesterins, sondern auch die verschiedener Selenoproteine, unter anderem des an der Muskelzell-Regeneration beteiligten Selenoproteins N.

Die selenabhängige Thioredoxin-Reduktase (Zytosol) ist wichtig für den zellulären Stoffwechsel von Coenzym-Q10. Dieses selenabhängige Enzym regeneriert oxidativ verbrauchtes Ubiquinon zu Ubiquinol.

Die durch Statine bedingten muskulären Störungen ähneln nicht nur in ihrer Symptomatik (zum Beispiel Müdigkeit, Muskelschmerzen) denen eines Selenmangels, sondern auch histopathologisch gibt es Überschneidungen (zum Beispiel zellulärer Mitochondrienverlust, Bildung von Vakuolen, herdförmige desorganisierte, dünne Myofibrillen).

Info

Das Spurenelement Selen wurde 1817 vom schwedischen Chemiker Berzelius entdeckt und führte lange Zeit ein Schattendasein als giftiges Element. Erst in den 1950er-Jahren erkannte man, dass Selen auch für den Menschen lebensnotwendig ist. In der chinesischen Provinz Keshan, einem Gebiet mit extremem Selenmangel, traten schwere Herzmuskelerkrankungen auf, denen jährlich Tausende Menschen zum Opfer fielen.

Erst durch die Anreicherung der Nahrungsmittel mit Selen konnte man diese als Keshan-Erkrankung bezeichnete Selenmangelkrankheit eindämmen. Heute steht Selen wie kein anderes Spurenelement im Fokus der Wissenschaft, insbesondere in der Anti-Aging-Medizin und Krebsforschung.

Eine generelle Empfehlung zur Selensubstitution unter einer Statintherapie ist zum jetzigen Zeitpunkt jedoch verfrüht. Dennoch sollte der Selenstatus im Vollblut kontrolliert werden

Problem: Vitamin-D-Mangel

Ein Mangel an Vitamin D (25(OH)D unter 20 Nanogramm pro Milliliter) scheint die Entwicklung von Muskelschmerzen und anderen muskulären Störungen zu begünstigen, die häufig unter der Therapie mit Cholesterinsenkern vom Statin-Typ auftreten.

In einer aktuellen Studie an 150 Patienten mit erhöhten Cholesterinwerten musste die Therapie mit Statinen aufgrund von Muskelschmerzen und anderen Unverträglichkeiten (Statinintoleranz) abgebrochen werden. Eine labormedizinische Kontrolle des Vitamin-D-Status bei den betroffenen Patienten zeigte eine mangelhafte Versorgung mit Vitamin D. Durch die wöchentliche Gabe von zweimal 50.000 Internationalen Einheiten Vitamin D über drei Wochen wurde der Vitamin-D-Status deutlich verbessert (25(OH)D: Steigerung von 21 auf 40 Nanogramm pro Milliliter). Nach der Auffüllung des Vitamin-D-Status wurde die Statintherapie nach drei Wochen wieder fortgeführt.

Nahezu 90 Prozent der Patienten, die anfangs das Statin aufgrund von Unverträglichkeiten absetzen mussten, konnten nun die Therapie mit den Cholesterinsenkern ohne unerwünschte Wirkungen auf die Muskulatur fortführen. Neben den Statinen wurde die Einnahme von Vitamin D mit 50.000 Internationalen Einheiten Vitamin D pro Woche beibehalten. Die LDL-Cholesterinwerte sanken unter der Kombination des Statins mit Vitamin D durchschnittlich von 146 auf 95 Mikrogramm pro Deziliter.

Empfehlung für die Praxis

Begleitend zu Statinen wird die Einnahme von 100 bis 300 Milligramm Coenzym Q10 pro Tag empfohlen. Zur Vorbeugung von altersassoziierten Erkrankungen und bei Einnahme von Statinen sollte der Selenspiegel im Vollblut bei 130 bis 150 Mikrogramm pro Liter liegen. Dazu ist eine tägliche Supplementierung von 1,5 bis 3,0 Mikrogramm Selen pro Kilogramm Körpergewicht notwendig. Selen sollte dabei als nicht akkumulierendes, anorganisches Natriumselenit ergänzt werden.

Unter einer Therapie mit Statinen sollte in jedem Fall auch der Vitamin-D-Status kontrolliert werden. Für einen gesunden Knochenstoffwechsel ist ein 25(OH)D-Spiegel von 40 bis 60 Nanogramm pro Milliliter beziehungsweise 100 bis 150 Nanomol pro Liter notwendig. Dazu ist die regelmäßige Einnahme von täglich 50 Internationalen Einheiten Vitamin D pro Kilogramm Körpergewicht notwendig. In der Praxis hat sich zum schnellen Ausgleich eines Vitamin-D-Mangels anfänglich auch die hoch dosierte Einnahme von Vitamin D bewährt.

Verzeichnis der Studien und Quellen

Gröber, U. et al. (2018): Important drug-micronutrient interactions: a selection for clinical practice. Crit Rev Food Sci Nutr. 2018 Dec 23:1-19. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/30580552, abgerufen am: 14.01.2019.

Gröber, U. et al. (2013): Neuroenhancement with Vitamin B12: Underestimated neurological significance. Nutrients, 2013; 5(12): 5031-5045. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3875920/, abgerufen am: 12.12.2018.

Gröber, U. & Kisters, K (2017): Arzneimittel als Mikronährstoff-Räuber. 2. aktualisierte und erweiterte Auflage, 240 S., Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart, 2017.

Gröber, U. (2018): Arzneimittel und Mikronährstoffe – Medikationsorientierte Supplementierung. 4. aktualisierte Auflage, 540 S., Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart, 2018.

Über den Autor

Uwe Gröber

Uwe Gröber ist Leiter der Akademie für Mikronährstoffmedizin in Essen und Autor zahlreicher Publikationen, Fachbücher und Buchbeiträge. Er studierte Pharmazie an der Johann-Wolfgang Goethe Universität in Frankfurt und zählt zu den führenden Mikronährstoffexperten Deutschlands mit seinen Spezialgebieten Pharmakologie, Mikronährstoffmedizin, Wechselwirkungen zwischen Arzneimitteln und Mikronährstoffen, Metabolic Tuning, Ernährungs-, Sport- und Präventivmedizin sowie komplementäre Verfahren in der Diabetologie und Onkologie (z.B. Tumoranämie). Neben seiner medizinisch-wissenschaftlichen Beratungstätigkeit ist er europaweit seit Jahren aktiv in der Aus- und Fortbildung von Ärzten, Apothekern und Ernährungswissenschaftlern tätig, unter anderem als Dozent an der Dresdner International University (DIU) zudem ist er aktives Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Prävention und integrative Onkologie (PRIO) der deutschen Krebsgesellschaft (DKG).