Kampf gegen die Pfunde

Unsere Darmflora bestimmt den Stoffwechsel

Füße auf einer Waage
Warum können einige Menschen essen, was sie wollen und andere Menschen haben den Eindruck, sie nehmen schon beim Anblick der Speisen zu? Ein Grund könnte die unterschiedliche Beschaffenheit der Darmflora sein. Bild: GettyImages

Übergewicht verändert die Darmflora

Schon seit einiger Zeit weiß man, dass übergewichtige Menschen eine andere Darmflora haben als normalgewichtige. Unsere Darmflora besteht aus unzähligen Bakterien. Die zwei wichtigsten Stämme sind Firmicutes und Bacteroidetes. Forscher haben festgestellt, dass Übergewichtige mehr Firmicutes im Darm haben. Bei Normalgewichtigen ist es andersherum: Sie haben mehr Bacteroidetes. Hinzu kommt, dass Übergewichtige eine geringere Vielfalt zeigen: Je weniger Bakterienarten vorhanden sind, desto höher ist das Gewicht.

Es ist jedoch nicht klar, warum die Darmflora verändert ist. Ist das Übergewicht die Ursache oder die Ernährung verantwortlich? Oder ist die veränderte Darmflora umgekehrt sogar der Grund, warum einige schneller zunehmen als andere?

Info

Übrigens: Gaben Forscher Mäusen ohne eigene Darmflora (keimfreie Mäuse) eine Darmflora von Übergewichtigen oder Schlanken, veränderte sich das Gewicht der keimfreien Mäuse. Innerhalb weniger Tage wurden sie entsprechend der Darmflora entweder zu dünnen oder dicken Mäusen.

Wieso die Darmflora das Gewicht beeinflusst

Darmbakterien verdauen Ballaststoffe, die unsere Verdauungsenzyme nicht spalten können. Dabei entstehen kurzkettige Fettsäuren. Diese Fettsäuren haben verschiedene Aufgaben im Stoffwechsel. Zum Beispiel regulieren einige den Appetit oder wie viel Fett sich in den Zellen anreichert. Andere steuern den Blutzucker und beeinflussen, wie schnell wir satt sind.

Bei Übergewichtigen haben Forscher eine höhere Menge der Fettsäuren gefunden, die auf all dies nachteilig wirken. Dazu zählt Essigsäure. Gleichzeitig liegt ein Mangel an solchen Fettsäuren vor, die sich günstig auf den Stoffwechsel auswirken. Dazu zählen Butter- und Propionsäure.

Es liegt nahe, dass eine gesunde Darmflora beim Abnehmen helfen könnte. Die Darmflora lässt sich durch Probiotika beeinflussen: Probiotika sind lebende Bakterien, die sich im Darm anreichern. Dort verdrängen sie ungünstige Bakterien und sorgen für ein gesundheitsförderliches Bakterienverhältnis.

Helfen Probiotika beim Abnehmen? Was Studien zeigen

Viele Forscher untersuchen, ob die Einnahme von Probiotika das Gewicht reduziert. Es liegen bereits Metaanalysen vor. Dies sind Auswertungen mehrerer Studien, um einen Überblick zu bekommen. Allein in den letzten beiden Jahren 2018 und 2019 gab es drei große Auswertungen hochwertiger Studien:

 

Gewicht

Body-Mass-Index (BMI)

Taillenumfang

Fettmasse

105 Studien mit 6.826 Teilnehmern

- 0,94 Kilogramm

- 0,55 Einheiten

- 1,31 Zentimeter

- 0,96 Kilogramm

12 Studien mit 821 Teilnehmern

- 0,55 Kilogramm

- 0,30 Einheiten

- 1,20 Zentimeter

- 0,91 Kilogramm

15 Studien mit 957 Teilnehmer

- 0,60 Kilogramm

- 0,27 Einheiten

Keine Angaben

Keine Angaben

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In allen Studien wurden Probiotika mit einem Scheinmedikament (Placebo) verglichen. Die Dauer der Studien war sehr unterschiedlich: Sie lag zwischen zwei und 28 Wochen.

Auf den ersten Blick sind die Veränderungen sehr gering. Allerdings machten die Teilnehmer keine Diät: Nur die Einnahme von Probiotika führte zu dem Gewichtsverlust. Begleitend zu einer Ernährungsumstellung dürfte die Wirkung noch deutlicher sein. Es gibt bereits Hinweise, dass Personen während einer Diät mit Probiotika mehr abnehmen können als mit einem Placebo.  

Die Darmflora ist ein komplexes Ökosystem

Nicht alle Übergewichtigen haben eine veränderte Darmflora. Einige Forscher konnten keine Unterschiede feststellen – und Probiotika verringerten auch nicht in allen Studien das Gewicht.
Unsere Darmflora wird von vielen Faktoren beeinflusst. Neben Übergewicht sind auch Stress oder Schlafmangel daran beteiligt, welche Bakterien sich in unserem Inneren ansiedeln. Entscheidend ist zudem die Ernährung: Was wir essen, beeinflusst die Nahrung unserer Bakterien. Es siedeln sich also diejenigen an, denen unsere Lebensmittelauswahl auch schmeckt.
Damit sich Probiotika im Darm vermehren, müssen sie den Magen überwinden: Lebende Bakterien werden durch Magensäure zerstört. Deshalb gibt es spezielle Kapseln, die von der Säure nicht angegriffen werden. Auch müssen Probiotika regelmäßig eingenommen werden: Setzt man das Präparat ab, verschwinden sie wieder. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Bakterien im Darm überleben, ist am größten, wenn das Präparat viele unterschiedliche Bakterien enthält. Am besten war die Wirkung mit den Stämmen Lactobacillus und Bifidobacterium.

Empfehlung: Probiotika begleitend zur Ernährungsumstellung

Probiotika sind kein neues Diätwunder. Von der einfachen Lösung gegen Übergewicht müssen wir uns verabschieden. Probiotika sind aber eine ideale Ergänzung: Sie unterstützen die Umstellung der Ernährung in Kombination mit regelmäßiger Bewegung.

Die empfohlene Dosierung liegt bei 1 bis 20 Milliarden lebenden Keimen (Koloniebildenden Einheiten; KBE). Probiotika müssen täglich eingenommen werden – am besten zu einer leichten Mahlzeit. So gelangen sie schnell in den Darm und bleiben nicht zu lange im Magen.

Um die Ansiedlung von Probiotika im Darm zu unterstützen, brauchen wir zusätzlich Präbiotika. Das sind bestimmte Ballaststoffe, die gesundheitsfördernden Bakterien als Nahrung dienen. Hierzu zählen zum Beispiel Flohsamenschalen, Haferkleie (Beta-Glucan) oder resistente Stärke.

Verzeichnis der Studien und Quellen

Bischoff, S.C. (2009): Probiotika, Präbiotika und Synbiotika, Georg Thieme Verlag Stuttgart New York.

Borgeraas, H. et al. (2018): Effects of probiotics on body weight, body mass index, fat mass and fat percentage in subjects with overweight or obesity: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Obes Rev. 2018 Feb;19(2):219-232. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/29047207, abgerufen am: 13.08.2019.

Brusaferro, A. et al. (2018): Is It Time to Use Probiotics to Prevent or Treat Obesity? Nutrients. 2018 Nov 1;10(11). https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/30388851, abgerufen am: 13.08.2019.

Ejtahed, H.-S. et al. (2019): Probiotics supplementation for the obesity management; A systematic review of animal studies and clinical trials. Journal of Functional Foods (52):228-242. https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1756464618305668, abgerufen am: 13.08.2019.

Findeklee, A. (2013): Die Darmflora für dick und dünn. Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH. https://www.spektrum.de/news/die-darmflora-fuer-dick-und-duenn/1206202, abgerufen am: 04.10.2019.

Koutnikova, H. et al. (2019): Impact of bacterial probiotics on obesity, diabetes and non-alcoholic fatty liver disease related variables: a systematic review and meta-analysis of randomised controlled trials. BMJ Open. 2019 Mar 30;9(3):e017995. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/30928918, abgerufen am: 13.08.2019.

Le Chatelier, E. et al. (2013): Richness of human gut microbiome correlates with metabolic markers. Nature. 2013 Aug 29;500(7464):541-6. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23985870, abgerufen am: 13.08.2019.

Mazloom, K. et al. (2019): Probiotics: How Effective Are They in the Fight against Obesity? Nutrients. 2019 Feb; 11(2): 258. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC6412733/, abgerufen am: 13.08.2019.

Sanchez, M. et al. (2014): Effect of Lactobacillus rhamnosus CGMCC1.3724 supplementation on weight loss and maintenance in obese men and women. Br J Nutr. 2014 Apr 28;111(8):1507-19. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24299712, abgerufen am: 13.08.2019.   

Wang, Z. B.et al. (2019): The Potential Role of Probiotics in Controlling Overweight/Obesity and Associated Metabolic Parameters in Adults: A Systematic Review and Meta-Analysis. Evid Based Complement Alternat Med. 2019 Apr 15;2019:3862971. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/31118956, abgerufen am: 13.08.2019.

Über die Autorin

Dr. med. Elke Mantwill

Frau Dr. med. Mantwill ist niedergelassene Fachärztin für Allgemeinmedizin. Sie  erwarb die Zusatzbezeichnungen in den Bereichen Ernährungsmedizin, Sportmedizin, Phlebologie und Akupunktur. Die Tätigkeitsschwerpunkte in ihrer allgemeinmedizinischen Praxis sind Ernährungs- und Sportmedizin. Seit 2000 beschäftigt sie sich mit der Orthomolekular-Medizin und ist seit 2002 als Referentin im Bereich der Ernährungs- und Orthomolekularmedizin aktiv. Als begeisterte Ausdauersportlerin führt sie zudem Ernährungsberatungen für Leistungssportler durch.