Medikamente gegen Diabetes und Mikronährstoffe

Arzt testet den Blutzuckergehalt seines Patienten

Der jährlich steigende Bedarf an Langzeit- und Kombinationstherapien mit Arzneimitteln in der Bevölkerung mündet bekanntlich in einer Zunahme von Wechselwirkungen zwischen Arzneimitteln und essenziellen Mikronährstoffen. Daher sind Kenntnisse über Interaktionen für die praktische Arbeit mit Patienten von großer Bedeutung. Die Beachtung dieser Interaktionen vonseiten des Arztes und Apothekers mit daraus resultierender medikationsorientierter Supplementierung ist zunehmend ein Kriterium für eine gute Arzneimittelverordnungspraxis. Bild: AndreyPopov/iStock/Getty Images Plus

Diabetes so häufig wie noch nie

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich der Diabetes mellitus zu einer bedrohlichen Epidemie entwickelt. Zählte die Weltgesundheitsorganisation 1994 weltweit nur rund 110 Millionen zuckerkranke Menschen, so sind es heute schon über 300 Millionen und in 20 Jahren dürfte die Zahl bei etwa 500 Millionen liegen.

In Europa ist Deutschland nach den neusten Zahlen der Internationalen Diabetes Föderation das Land mit der höchsten Diabeteshäufigkeit. Nach Angaben des Deutschen Gesundheitsberichtes Diabetes 2014 muss davon ausgegangen werden, dass in unserem Land mittlerweile an die 10 Millionen Menschen von Diabetes mellitus betroffen sind. Tendenz: weiter steil steigend.

Mehr als 20 Prozent der Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherungen werden in unserem Land mittlerweile für die Behandlung des Diabetes und seiner Folgeerkrankungen aufgewendet. Die Behandlungskosten betragen inzwischen pro Patient und Jahr über 2.000 Euro!

Das orale Antidiabetikum Metformin

In der Therapie des Typ-2-Diabetes werden verschiedene Arzneimittel zur Blutzuckerregulierung – die sogenannten oralen Antidiabetika – eingesetzt. Eines der am häufigsten verwendeten Medikamente ist der Wirkstoff Metformin. Nach erfolglosem Therapieversuch mit nicht medikamentösen Maßnahmen (zum Beispiel Ernährung, Sport) wird Metformin als Mittel der ersten Wahl eingesetzt.

 

Entsprechend nehmen die Verordnungen von Metformin stetig zu. Dabei ist in den letzten Jahren ein besonders deutlicher Anstieg bei älteren Patienten festzustellen: So haben sich die Metformin-Verordnungen bei den über 80-Jährigen zwischen 2005 und 2010 mehr als verdoppelt. Neben der veränderten Stoffwechsellage bei Diabetes können auch Arzneimittel wie Metformin den Bedarf an Vitaminen und Mineralstoffen bei Diabetikern steigern.

Problem: Vitamin B12

Metformin bremst beim Typ-2-Diabetiker die körpereigene Produktion von Zucker in der Leber und verbessert darüber hinaus die Zuckerverwertung in der Muskulatur. Auch die Insulinempfindlichkeit der Zellen wird gesteigert und das verminderte Ansprechen der Körperzellen auf Insulin (Insulinresistenz) verringert. Zusätzlich wird im Darm weniger Zucker in das Blut aufgenommen. Metformin glättet dadurch nicht nur den Blutzuckerspiegel, es kann auch die Gewichtsabnahme bei übergewichtigen Typ-2-Diabetikern erleichtern. Doch was auf der einen Seite für die betroffenen Diabetiker gut ist, hat für den Mikronährstoff-Haushalt auch Folgen, insbesondere für das Nervenvitamin B12.

 

In aktuellen klinischen Studien an Typ-2-Diabetikern konnte immer wieder nachgewiesen werden, dass Metformin die Aufnahme von Vitamin B12 aus der Nahrung hemmt. Für die Aufnahme von Vitamin B12 aus Lebensmitteln (zum Beispiel Fleisch und Seefisch) ist Magensäure notwendig. Das an Eiweiße in der Nahrung gebundene Vitamin B12 wird mithilfe der Magensäure freigesetzt. Erst danach kann es an den Transportfaktor IF (Intrinsic Factor) gebunden und über den Dünndarm mithilfe von Calcium ins Blut aufgenommen werden. Dieser wichtige letzte Schritt der aktiven Vitamin-B12-Aufnahme wird durch Metformin gehemmt. Bei regelmäßiger Einnahme von Metformin entwickelt sich hierdurch ein Mangel an Vitamin B12. Vitamin B12 wird zu etwa 99 Prozent pH-abhängig aktiv und nur zu etwa ein Prozent pH-unabhängig passiv aus der Nahrung aufgenommen.

Als Zeichen eines leichten Vitamin-B12-Mangels (und/oder Folsäuremangels) kann der Homocysteinspiegel im Blut ansteigen. Homocysteinwerte über 10 Mikromol pro Liter im Blutplasma verschärfen das Risiko für Demenz, Schlaganfall und Osteoporose. In der VITACOG-Studie konnte bei älteren Personen mit erhöhten Homocysteinwerten das Fortschreiten einer Hirnatrophie („Gehirnschwund“, Zeichen für die Entwicklung einer Demenz) durch die regelmäßige Einnahme von Vitamin B12 (500 Mikrogramm pro Tag, per os (orale Gabe)), Folsäure und Vitamin B6 erheblich verlangsamt werden.

In einer aktuellen Studie mit 126 Typ-2-Diabetikern führte der Metformin-bedingte Vitamin-B12-Mangel zu einer deutlichen Verschlechterung der Hirn- und Gedächtnisleistung. Die regelmäßige Supplementierung von Vitamin B12 konnte die kognitiven Funktionsstörungen bei Diabetikern deutlich lindern. Wie eine weitere Studie an 300 Patienten mit Typ-2-Diabetes zeigt, sind erhöhte Homocysteinspiegel und ein Mangel an Vitamin B12 mit einem deutlich gesteigerten Risiko für Schäden der Netzhaut im Auge (diabetische Retinopathien) verbunden. Sehstörungen bis hin zur Erblindung können die Folge sein.

Empfehlung für die Praxis

Bei Patienten, die langfristig mit Metformin behandelt werden, sollte der Vitamin-B12-Status anhand aussagekräftiger Blutparameter, wie Holo-Transcobalamin oder Methylmalonsäure, etwa einmal pro Halbjahr kontrolliert und ein Mangel entsprechend ausgeglichen werden (zum Beispiel 500 Mikrogramm Vitamin B12 pro Tag, per os; oder 1.000 bis 2.000 Mikrogramm Hydroxocobalamin, intramuskulär).

Auch der Homocysteinspiegel und Folsäurehaushalt sollte bei Typ-2-Diabetikern unter Therapie mit Metformin mindestens einmal pro Jahr kontrolliert werden.

Verzeichnis der Studien und Quellen

Gröber, U. et al. (2018): Important drug-micronutrient interactions: a selection for clinical practice. Crit Rev Food Sci Nutr. 2018 Dec 23:1-19. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/30580552, abgerufen am: 14.01.2019.

Gröber, U. et al. (2013): Neuroenhancement with Vitamin B12: Underestimated neurological significance. Nutrients, 2013; 5(12): 5031-5045. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3875920/, abgerufen am: 12.12.2018.

Gröber, U. & Kisters, K (2017): Arzneimittel als Mikronährstoff-Räuber. 2. aktualisierte und erweiterte Auflage, 240 S., Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart, 2017.

Gröber, U. (2018): Arzneimittel und Mikronährstoffe – Medikationsorientierte Supplementierung. 4. aktualisierte Auflage, 540 S., Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart, 2018.


Über den Autor

Uwe Gröber

Uwe Gröber ist Leiter der Akademie für Mikronährstoffmedizin in Essen und Autor zahlreicher Publikationen, Fachbücher und Buchbeiträge. Er studierte Pharmazie an der Johann-Wolfgang Goethe Universität in Frankfurt und zählt zu den führenden Mikronährstoffexperten Deutschlands mit seinen Spezialgebieten Pharmakologie, Mikronährstoffmedizin, Wechselwirkungen zwischen Arzneimitteln und Mikronährstoffen, Metabolic Tuning, Ernährungs-, Sport- und Präventivmedizin sowie komplementäre Verfahren in der Diabetologie und Onkologie (z.B. Tumoranämie). Neben seiner medizinisch-wissenschaftlichen Beratungstätigkeit ist er europaweit seit Jahren aktiv in der Aus- und Fortbildung von Ärzten, Apothekern und Ernährungswissenschaftlern tätig, unter anderem als Dozent an der Dresdner International University (DIU) zudem ist er aktives Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Prävention und integrative Onkologie (PRIO) der deutschen Krebsgesellschaft (DKG).