Vitamin K2 – wirksam oder nicht?

Vitamin K2 hat eine besondere Bedeutung unter den Vitamin-K-Formen. Doch wie in der Forschung üblich, wird es auch infrage gestellt. Allerdings ist die kritische Argumentation selbst teilweise fragwürdig.

Vitamin K2: Warum wird die Wirkung infrage gestellt?

Die Fachzeitung „arznei-telegramm“ (Jg. 49, Nr. 3) für Ärzte und Apotheker veröffentlichte Anfang des Jahres 2018 einen Artikel über Vitamin K2. Das Fazit: Ein Nutzen von Vitamin K jenseits der Blutgerinnung, zum Beispiel zum Schutz vor Knochenbrüchen, sei nicht eindeutig bewiesen. Zudem schreibt der Verfasser, dass sich aus den aktuellen Daten die Bedeutung von Vitamin K2 nicht ableiten lasse.

Info

Vitamin K gibt es in  mehreren Formen. Die wichtigsten sind Vitamin K1 und K2. Vitamin K1 kommt hauptsächlich in Gemüse vor, während Vitamin K2 von Bakterien produziert wird. Deshalb ist Vitamin K2 in fermentierten Lebensmitteln zu finden – zum Beispiel Joghurt, Sauerkraut oder Käse.

Das Besondere an Vitamin K2: Laut ersten Studien hat es eine höhere Bioverfügbarkeit und eine längere Halbwertszeit. Im Blut liegen also höhere Gehalte vor und es verbleibt länger dort. Es gibt Hinweise, dass Vitamin K2 den Knochenstoffwechsel besser aktiviert (Carboxylierung von Osteocalcin). Deshalb vermuten Wissenschaftler, dass Vitamin K2 für die Knochen und Blutgefäße wichtiger ist als Vitamin K1.

Umfassendere Studienbewertung ist notwendig

Für seine Bewertung listet der Autor 21 Studien auf. 21 Studien reichen allerdings nicht aus, um ein Thema ausreichend zu bewerten – zumal es noch weitere Studien gibt, die trotz einer geringeren Teilnehmerzahl gute Hinweise liefern:

Knochen:

  • Eine Studie mit Scheinmedikament (placebokontrolliert) und 244 Teilnehmern zeigte 2013, dass Vitamin K2 den altersbedingten Verlust der Knochenmasse im Lendenwirbelbereich und am Oberschenkelhals abschwächte. Die Teilnehmer nahmen drei Jahre lang täglich 180 Mikrogramm Vitamin K2 als Nahrungsergänzung ein oder ein Scheinmedikament.
  • Im Jahr 2016 untermauerte eine weitere placebokontrollierte Studie mit 148 Teilnehmern den vorbeugenden Effekt gegen Knochenschwund: Nahmen die Teilnehmer ein Jahr lang jeden Tag 375 Mikrogramm Vitamin K2 ein, veränderte sich die Struktur des Knochens nicht, während sie sich mit dem Scheinmedikament verschlechterte.
  • Vor allem bei der Behandlung von Osteoporose mit der Wirkstoffgruppe der Bisphosphonate ist Vitamin K2 sinnvoll. Durch die Ergänzung verbessert sich die Wirkung der Medikamente. Das belegen mehrere kleine Studien.

Blutgefäße:

  • Eine höhere Zufuhr von Vitamin K2 (nicht Vitamin K1) über die Nahrung steht in Zusammenhang mit weniger Kalkablagerungen in den Gefäßen (Arteriosklerose). Das belegt eine Querschnittsstudie (Beobachtungsstudie) mit 564 Teilnehmern. Die Zufuhr von Vitamin K2 wurde mittels Fragebögen erfasst, in denen die Teilnehmer Art und Menge der verzehrten Lebensmittel notierten. Allerdings ist die Aussagekraft dieser Methode begrenzt: Anders als bei Vitamin-K2-Präparaten mit exakter Dosierung schwanken die Vitamin-K-Gehalte inbensmitteln.
  • Eine placebokontrollierte Studie aus dem Jahr 2013 mit 244 Teilnehmern liefert dagegen bessere Hinweise: Ein Vitamin-K2-Präparat konnte die Arterienverkalkung stoppen und die Blutgefäße wieder elastischer machen. Die Teilnehmer nahmen drei Jahre lang täglich 180 Mikrogramm Vitamin K2 oder ein Scheinmedikament.

Forschung ist nicht gleich Praxis: das Problem mit Ersatzkenngrößen

Der Autor des Artikels im „arznei-telegramm“ kritisiert auch, dass in den meisten Studien nur Ersatzparameter untersucht werden (Surrogatparameter). Dies sind Kenngrößen, die als Ersatz für etwas anderes dienen, das meist schlecht greifbar ist. Solche Kenngrößen werden in der medizinischen Forschung als weniger gut eingestuft. Beispiele sind:

  • Blutdruck für Schlaganfallrisiko
  • Viruslast bei HIV-Infektionen
  • Röntgenbefund der Thrombusgröße bei Thrombose
  • Herzfrequenz als Kenngröße für Angstzustände

In der praktischen Medizin ist das allerdings ganz anders: Sie lebt nur von Ersatzkenngrößen. Es ist normal und legitim, damit zu arbeiten. Denn Ärzte können oft nur die Kenngrößen untersuchen – zum Beispiel einen Laborwert – und müssen dann versuchen, die Risiken insgesamt einzuschätzen.

Es gibt allerdings gute und weniger gute Ersatzkenngrößen. Gut sind sie, wenn es einen klaren Zusammenhang zwischen ihr und der Erkrankung gibt. Die Ersatzkenngrößen sollten daher nicht von vornherein in einer Studie als schlecht angesehen werden. Es kommt immer auf die Umstände an.

Vitamin K2: Gibt es ein Fazit?

Der Artikel im „arznei-telegramm“ besagt, dass nur die Funktion von Vitamin K bei der Blutgerinnung hinreichend bewiesen sei. Es ist selbstverständlich, dass die meisten Studien bisher die Blutgerinnung untersucht haben, denn diese ist eine der ersten entdeckten Funktionen von Vitamin K.

Und es stimmt tatsächlich: Die Forschung ist insgesamt noch nicht so weit, um mit 100%iger Sicherheit sagen zu können, wie groß der Nutzen von Vitamin K2 ist. Jedoch deutet alles darauf hin, dass Vitamin K2 nicht schadet und entscheidende Vorteile in der Mikronährstoffmedizin hat.

Denn gerade in Zusammenhang mit Vitamin D ist Vitamin K2 sinnvoll, da beide Vitamine sich in ihrer Wirkung ergänzen: Wie Vitamin K2 aktiviert Vitamin D den Knochenstoffwechsel und sorgt für feste Knochen. Zusätzlich erhöht es die Aufnahme von Calcium im Darm und unterstützt so die Calciumversorgung des Knochens.

Verzeichnis der Studien und Quellen

Beulens, J.W. et al. (2013): The role of menaquinones (vitamin K₂) in human health. Br J Nutr. 110(8):1357-68. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23590754, abgerufen am: 05.06.2018.

Beulens, J.W. et al. (2009): High dietary menaquinone intake is associated with reduced coronary calcification. Atherosclerosis. 2009 Apr;203(2):489-93. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/18722618, abgerufen am: 05.06.2018.

Ebina, K. et al. (2016): Comparison of the effects of 12 months of monthly minodronate monotherapy and monthly minodronate combination therapy with vitamin K2 or eldecalcitol in patients with primary osteoporosis. J Bone Miner Metab. 2016 May;34(3):243-50. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/26303222, abgerufen am: 05.06.2018.

Hirao, M. et al. (2008): Response of serum carboxylated and undercarboxylated osteocalcin to alendronate monotherapy and combined therapy with vitamin K2 in postmenopausal women. J Bone Miner Metab. 2008;26(3):260-4. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/18470667, abgerufen am: 05.06.2018.

Je, S.H. et al. (2011): Vitamin K supplement along with vitamin D and calcium reduced serum concentration of undercarboxylated osteocalcin while increasing bone mineral density in Korean postmenopausal women over sixty-years-old. J Korean Med Sci. 2011 Aug;26(8):1093-8. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/21860562, abgerufen am: 05.06.2018.

Kanellakis, S. et al. (2012): Changes in parameters of bone metabolism in postmenopausal women following a 12-month intervention period using dairy products enriched with calcium, vitamin D, and phylloquinone (vitamin K(1)) or menaquinone-7 (vitamin K (2)): the Postmenopausal Health Study II. Calcif Tissue Int. 2012 Apr;90(4):251-62. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22392526, abgerufen am: 05.06.2018.

Kidd, P.M. (2010): Vitamins D and K as pleiotropic nutrients: clinical importance to the skeletal and cardiovascular systems and preliminary evidence for synergy. Altern Med Rev. 2010 Sep;15(3):199-222. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/21155624, abgerufen am 05.06.2018.

Knapen, M.H. et al. (2015): Menaquinone-7 supplementation improves arterial stiffness in healthy postmenopausal women. A double-blind randomised clinical trial. Thromb Haemost. 113(5):1135-44. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/25694037, abgerufen am: 05.06.2018.

Knapen, M.H. et al. (2013): Three-year low-dose menaquinone-7 supplementation helps decrease bone loss in healthy postmenopausal women. Osteoporos Int. 24(9):2499-507. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23525894, abgerufen am: 05.06.2018.

Rønn, S.H. et al. (2016): Vitamin K2 (menaquinone-7) prevents age-related deterioration of trabecular bone microarchitecture at the tibia in postmenopausal women. Eur J Endocrinol. 2016 Dec;175(6):541-549. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/27625301, abgerufen am: 05.06.2018.

Schurgers, L.J. (2007): Vitamin K-containing dietary supplements: comparison of synthetic vitamin K1 and nattoderived menaquinone-7. 109(8):3279-83. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/17158229, abgerufen am: 05.06.2018.

Suzuki, K. et al. (2013): Clinical results of alendronate monotherapy and combined therapy with menatetrenone (VitK₂) in postmenopausal RA patients. Mod Rheumatol. 2013 May;23(3):450-5. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22692649, abgerufen am: 05.06.2018.


Über den Autor

Dr. med. Rainer Spichalsky

Dr. med. Rainer Spichalsky ist Facharzt für Allgemeinmedizin. Neben der schulmedizinischen Ausbildung erwarb er weitere Fachqualifikationen als Arzt für Applied  Kinesiology,  F.X. Mayer Arzt und manuelle Therapie. Zudem ist Herr Dr. med Spichalsky zertifizierter Anti-Aging Arzt gemäß GSAAM und Orthomolekular Therapeut. Neben seiner Tätigkeit als Geschäftsführer einer ärztlichen Partnerschaftsgesellschaft ist der diplomierte Gesundheitsheitsökonom unter anderem auch Dozent für orthomolekulare Therapie.

Porträtfofo Wissenschaftlicher Beirat Dr. med. Rainer Spichalsky

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