Kleine Organismen – große Wirkung bei Typ-2-Diabetes

Wie Darmbakterien helfen können, den Blutzucker besser zu regulieren

Darmbakterien
Darmbakterien können beeinflussen, wie stark der Blutzuckerspiegel ansteigt. Probiotika könnten eine unterstützende Behandlungsmöglichkeit bei Diabetes Typ 2 sein. Dr_Microbe/iStock/Getty Images Plus 

Die Verbindung zwischen Darm und Zuckerstoffwechsel

Unser Darmmikrobiom (Darmflora) reguliert viele Prozesse. Es steuert zum Beispiel die Produktion von Botenstoffen, die das Sättigungsgefühl regulieren. Die Darmbakterien könnten also Einfluss darauf haben, dass manche Menschen schneller zunehmen als andere. In den letzten Jahren gab es hierzu viele neue Erkenntnisse. So könnten die Bakterien im Darm auch daran beteiligt sein, wie stark der Blutzuckerspiegel nach dem Essen steigt. Es ist daher gut möglich, dass der Blutzucker in Abhängigkeit des Mikrobioms bei den gleichen Lebensmitteln unterschiedlich stark in die Höhe schnellt. 

Ein gut kontrollierter Blutzuckerspiegel ist in vielerlei Hinsicht wichtig. Starke Schwankungen können zu Heißhungerattacken, Müdigkeit oder Konzentrationsstörungen führen. Entgleist der Blutzuckerspiegel regelmäßig, kann auch eine Insulinresistenz vorliegen. Dabei sprechen die Zellen nicht mehr auf das Blutzuckerhormon Insulin an. Insulin schleust normalerweise den Zucker in die Zellen, damit sie Energie gewinnen können. Langfristig kann Diabetes Typ 2 die Folge sein.

Wie die Darmbakterien den Blutzuckerspiegel regulieren

Forscher vermuten unterschiedliche Ansätze, wie Darmbakterien den Blutzucker direkt oder indirekt mitregulieren: 

  • Bildung von kurzkettigen Fettsäuren: Die speziellen Fettsäuren entstehen im Dickdarm, wenn Bakterien Ballaststoffe verstoffwechseln. Die Fettsäuren wirken zum Beispiel als Signalstoffe, die helfen, den Blutzucker zu kontrollieren (zum Beispiel über die Freisetzung von Peptid YY). Eine wichtige kurzkettige Fettsäure ist Buttersäure (Butyrat). 

  • Bildung von Hormonen: Das Mikrobiom steuert die Freisetzung bestimmter Botenstoffe (Inkretine) aus unseren Darmzellen (vor allem Glucagon-like Peptid 1 (GLP-1) und glucoseabhängiges insulinotropes Peptid (GIP)). Diese Botenstoffe werden ins Blut abgegeben und regulieren die Freisetzung von Insulin. Dadurch nehmen die Körperzellen den Zucker schneller auf.  

  • Entzündungshemmung: Darmbakterien und kurzkettige Fettsäuren steuern das Entzündungsgeschehen. Sie stärken die Darmbarriere gegenüber Umweltgiften und Nahrungsbestandteilen, die eine Entzündung begünstigen können. Darüber hinaus wirken Darmbakterien und die Fettsäuren entzündungshemmend, indem sie bestimmte Botenstoffe hemmen. Bei Übergewicht haben Forscher einen chronischen Entzündungszustand festgestellt: Fettzellen setzen fortwährend Entzündungsstoffe frei. Dies kann Folgeerkrankungen wie Diabetes auslösen oder verschlimmern.

 

Typ-2-Diabetiker haben vermutlich ein verändertes Mikrobiom im Darm

Diabetes ist eine multifaktorielle Erkrankung. Das heißt, verschiedene Faktoren kommen zusammen und lösen die Erkrankung aus. Übergewicht, eine ungesunde Ernährung sowie Bewegungsmangel sind einige Auslöser für Diabetes. Auch das Darmmikrobiom könnte wegen seiner regulierenden Wirkung auf den Blutzucker eine Rolle spielen. Wissenschaftler haben bei Typ-2-Diabetikern eine veränderte Bakterienzusammensetzung gefunden: Vermutlich kommen weniger Buttersäure-produzierende Bakterienarten vor als bei Gesunden.

Ein weiterer Grund für ein verändertes Mikrobiom könnte das Diabetesmedikament Metformin sein: Forscher stellten durch eine Studienauswertung fest, dass die Zusammensetzung der Darmbakterien von Diabetikern mit Metformin-Therapie anders war als bei Diabetikern, die nicht mit dem Wirkstoff behandelt wurden. Diese Veränderung könnte wiederum Nebenwirkungen von Metformin wie Durchfall begünstigen.

Es gibt jedoch Studien, in denen auch bei Diabetikern weniger Buttersäure-produzierende Bakterienarten im Darm vorkamen – ohne, dass die Betroffenen mit Medikamenten behandelt wurden. Wahrscheinlich treffen daher beide Möglichkeiten zu.

Info

Süßstoffe sind eine beliebte Alternative zu herkömmlichem Zucker: Sie süßen, haben aber keinen Effekt auf den Blutzuckerspiegel. Allerdings mehren sich die Hinweise, dass Süßstoffe die Darmflora schädigen. Es ist daher zurzeit fraglich, ob Süßstoffe wirklich eine gute Alternative bei Diabetes sind.

Helfen Probiotika bei Diabetes?

Probiotika sind lebende Mikroorganismen (Bakterien oder Hefen), die gesundheitsfördernde Wirkungen haben. Sie können zum Beispiel ein verändertes Mikrobiom wieder ins Gleichgewicht bringen. Es gibt deshalb bereits zahlreiche Studien, in denen Forscher die Einnahme von Probiotika untersuchten. Folgende Werte wurden bei Typ-2-Diabetikern im Gegensatz zu Scheinmedikamenten verbessert:

  • Blutzucker
  • Langzeitblutzucker (HbA1c-Wert)
  • Nüchterninsulin
  • HOMA-Index (Maß für eine Insulinresistenz)

Allerdings gibt es noch einige offene Fragen, denn nicht in allen Studien fanden Forscher einen deutlichen Effekt. Der Grund könnten unterschiedliche Dosierungen sein oder eine kurze Einnahmedauer sowie unterschiedliche Bakterienarten.

Info

Es gibt auch Hinweise, dass Probiotika bei Typ-2-Diabetikern andere Marker verbessern können – zum Beispiel die Blutfettwerte und den Blutdruck. Damit könnte das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Arterienverkalkung gesenkt werden.

Fazit

Noch ist die Forschung nicht so weit, dass sich allgemeingültige Empfehlungen ableiten ließen. Grundsätzlich ist das Zusammenspiel zwischen unseren Darmbakterien und dem Stoffwechsel sehr komplex. Auch gibt es viele andere Einflüsse – zum Beispiel das Alter oder die Ernährung.

Allerdings sprechen die Daten momentan dafür, dass zwischen 7 Millionen und 100 Milliarden Bakterien (kolonienbildende Einheiten) bei Diabetes wirksam sein können. Probiotika sollten mindestens acht Wochen lang eingesetzt werden, damit sie ihre Wirkung im Darm entfalten. In den Studien waren folgende Bakterienarten nützlich: Lactobacillus acidophilus, Streptococcus thermophilus, Lactobacillus bulgaricus und Bifidobacterium lactis. Auch zeigen die Daten, dass vor allem Präparate mit unterschiedlichen Bakterien halfen, den Blutzucker besser zu regulieren.

In jedem Fall sollten Probiotika bei Diabetes mit Ballaststoffen kombiniert werden. Ballaststoffe sind die Grundlage für die Bildung der kurzkettigen Fettsäuren und haben selbst auch einen positiven Effekt auf den Blutzucker: Sie verlangsamen den Anstieg. Gut geeignet ist resistente Stärke. Aber auch Vitamine und Mineralstoffe helfen, den Blutzucker unter Kontrolle zu halten. Die wichtigsten sind: Vitamin D, Chrom, Magnesium und Zink.

Verzeichnis der Studien und Quellen

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Über die Autorin

Dr. med. Elke Mantwill

Frau Dr. med. Mantwill ist niedergelassene Fachärztin für Allgemeinmedizin. Sie  erwarb die Zusatzbezeichnungen in den Bereichen Ernährungsmedizin, Sportmedizin, Phlebologie und Akupunktur. Die Tätigkeitsschwerpunkte in ihrer allgemeinmedizinischen Praxis sind Ernährungs- und Sportmedizin. Seit 2000 beschäftigt sie sich mit der Orthomolekular-Medizin und ist seit 2002 als Referentin im Bereich der Ernährungs- und Orthomolekularmedizin aktiv. Als begeisterte Ausdauersportlerin führt sie zudem Ernährungsberatungen für Leistungssportler durch.