Medikamente stören den Vitamin-D-Stoffwechsel

Welche Medikamente das hauptsächlich betrifft und was man dagegen machen kann

Chemische Formel von Vitamin D3
Es gibt Medikamente, die den Abbau von Vitamin D steigern. Daher kann ein Mangel drohen. Bild: Ekaterina79/iStock/Getty_Images_Plus

Ein gestörter Vitamin-D-Haushalt hat Auswirkungen auf die Gesundheit

Dem Zusammenhang zwischen Mikronährstoffen – wie Vitamin D – und Medikamenten hat die Forschung in der Vergangenheit nur sehr wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Allerdings werden immer mehr Medikamente verordnet – oft auch mehrere zusammen. Deshalb sollten solche Wechselwirkungen unbedingt beachtet werden.

Ein durch Medikamente gestörter Vitamin-D-Haushalt kann massive Auswirkungen auf die Gesundheit und den Erfolg der medikamentösen Therapie haben. Die meisten Menschen sind ohnehin schon schlecht versorgt: Vitamin D wird normalerweise mithilfe von Sonnenstrahlen in der Haut gebildet. Im Winter ist die Strahlung jedoch zu schwach und im Sommer halten sich die meisten Menschen drinnen auf oder gehen nur in den Abendstunden in die Sonne.

Darüber hinaus kann ein Vitamin-D-Mangel verschiedene Medikamenten-Nebenwirkungen verstärken. Nebenwirkungen führen zu einer geringen Lebensqualität und oft zum Absetzen der Medikamente. Daher ist es umso wichtiger, dass man die Vitamin-D-Versorgung im Auge behält.

Glucocorticoide: Vitamin D schwächt einen gestörten Knochenstoffwechsel ab

Glucocorticoide sind Medikamente, die Entzündungsprozesse kontrollieren. Deshalb werden sie oft bei einem überaktiven Immunsystem verordnet. Dazu zählen zum Beispiel Allergien oder Autoimmunerkrankungen. Im Volksmund nennt man Glucocorticoide auch Cortison.

Es ist bekannt, dass Glucocorticoide über direkte und indirekte Wege den Knochenstoffwechsel stören. Die Folge ist eine zu geringe Knochenmasse und ein erhöhtes Risiko für Osteoporose. Einige Mechanismen betreffen auch den Vitamin-D-Stoffwechsel. Der Wirkstoff Dexamethason steigert zum Beispiel den Abbau von Vitamin D. Vitamin D ist für gesunde Knochen Voraussetzung: Es reguliert unter anderem die Aufnahme des Knochenbaustoffs Calcium im Darm.

Erste Studien, in denen Vitamin D einem solchen Verlust der Knochenmasse entgegenwirkte, liegen bereits vor. Meist wird Vitamin D zusammen mit Calcium empfohlen, da Glucocorticoide auch den Calciumhaushalt durcheinanderbringen.

Info

Vitamin D hat nicht nur positiven Einfluss auf die Nebenwirkungen der Glucocorticoide. Auch wirkt es sich günstig auf einige Krankheiten aus, die mit Glucocorticoiden behandelt werden. Zwei bedeutende Beispiele sind Asthma und Multiple Sklerose. Vitamin D hilft, das Immunsystem zu kontrollieren. Daher sollte der Vitamin-D-Status im Rahmen der Therapie immer ausgeglichen werden.

Antiepileptika senken den Vitamin-D-Spiegel

Medikamente gegen Epilepsie (Antiepileptika) stören ebenfalls den Knochenstoffwechsel. Dies wird unter anderem von einem Abfall der Vitamin-D-Spiegel begleitet. Ein gestörter Knochenstoffwechsel lässt sich bei der Hälfte der Betroffenen beobachten, die langfristig mit Antiepileptika behandelt werden.

Der Medikamententyp, die Dosierung und die Dauer der Behandlung beeinflussen diese Nebenwirkung maßgeblich: Vor allem für die Wirkstoffe Carbamazepin, Phenobarbital, Phenytoin und Primidon steigt das Risiko für Knochenerkrankungen. Aber auch bei anderen Wirkstoffen sind Knochenerkrankungen als Nebenwirkungen möglich. Deshalb wird die Ergänzung von Vitamin D begleitend zu Antiepileptika empfohlen.

Cholesterinsenker: weniger Muskelschmerzen durch Vitamin D

Zu den am häufigsten verordneten Cholesterinsenkern zählen Statine. Sie hemmen ein Enzym, das an der Bildung von Cholesterin beteiligt ist. Dadurch wirken Statine cholesterinsenkend. Oft vorkommende Nebenwirkungen sind Muskelschmerzen: Statine stören wahrscheinlich die Energieversorgung der Muskelzellen.

Zahlreiche beobachtende Studien zeigen, dass Menschen mit einem Vitamin-D-Mangel eine höhere Wahrscheinlichkeit für solche Muskelschmerzen haben. Umgekehrt ließen sich durch die Einnahme von Vitamin D die Schmerzen in einigen ersten hochwertigen Studien verringern. Dies führte auch dazu, dass die Therapie seltener abgebrochen wurde.

Dauerhaft erhöhte Cholesterinwerte haben Auswirkungen auf die Gesundheit der Blutgefäße: Das Cholesterin im Blut kann sich verändern (oxidieren). Die Folgen sind schädliche Ablagerungen, die die Gefäße verstopfen und zu einem Herzinfarkt führen können. Deshalb ist eine langfristige Therapie wichtig.

Vitamin-D-Mangel durch Medikamente: Mechanismen

Forscher haben schon vor einigen Jahren einen speziellen Rezeptor im Körper gefunden, der für den Abbau von Medikamenten wichtig ist. Zahlreiche Medikamente docken an diesen „Entgiftungs-Rezeptor“ an, sodass er für deren Entgiftung aktiviert wird.

Dieser „Entgiftungs-Rezeptor“ hat allerdings Ähnlichkeit mit dem Vitamin-D-Rezeptor. Damit Vitamin D seine Aufgaben erfüllen kann, muss es ebenfalls an einen Rezeptor andocken – in diesem Fall an den Vitamin-D-Rezeptor.

Die Ähnlichkeit dieser beiden Rezeptoren kann jedoch Auswirkungen haben. Der durch Medikamente aktivierte „Entgiftungs-Rezeptor“ kann so auch bestimmte Stoffwechselwege für Vitamin D in Gang setzen: Forscher beobachteten, dass Vitamin D vermehrt abgebaut wird.

Dadurch könnten zahlreiche Medikamente nachteilig in den Vitamin-D-Stoffwechsel eingreifen – zum Beispiel entzündungshemmende Medikamente (Glucocorticoide), Medikamente gegen Epilepsie sowie Medikamente gegen bestimmte Viren oder einige Antibiotika.

Expertenwissen

Der Pregnan-X-Rezeptor ist ein Kernrezeptor, der in Zellen des Gastrointestinaltrakts, der Nieren und der Leber exprimiert wird. Seine Hauptaufgabe ist es, körperfremde Stoffe zu detektieren und die Expression von Proteinen zu aktivieren, die für deren Detoxifikation verantwortlich sind.

Durch eine 60-prozentige Homologie mit dem Vitamin-D-Rezeptor kann sich der Pregnan-X-Rezeptor an Vitamin-D-Antwortelemente (englisch vitamin D reponse elements (VDRE)) der DNA binden und als Transkriptionsfaktor Gene aktivieren, deren Expression normalerweise von Vitamin D reguliert wird.

Fazit

Medikamente können den Vitamin-D-Stoffwechsel stören und damit auch die Knochengesundheit. Darauf weisen zahlreiche Studien hin. Nicht immer zeigen Studien zur Einnahme von Vitamin D jedoch einen Effekt. Es fehlen noch große hochwertige Studien. Fest steht aber, dass der tägliche Bedarf an Vitamin D gedeckt sein sollte – vor allem bei chronischen Krankheiten und der Einnahme von Medikamenten wie Glucocorticoiden, Antiepileptika oder Statinen. Ein Vitamin-D-Mangel ist generell weit verbreitet.

Der Vitamin-D-Bedarf ist abhängig vom Körpergewicht: Pro Kilogramm Körpergewicht braucht man täglich 40 bis 60 Internationale Einheiten Vitamin D (bei 60 Kilogramm: 2.400 bis 3.600 Internationale Einheiten). Durch den gesteigerten Abbau von Vitamin D benötigen Personen, die regelmäßig Medikamente einnehmen, möglicherweise auch eine höhere Dosierung.

Am besten ist es, den Vitamin-D-Spiegel im Blut regelmäßig kontrollieren zu lassen – optimalerweise zweimal im Jahr. Denn die richtige Vitamin-D-Dosierung ist auch abhängig von der aktuellen Versorgung. Für einen größtmöglichen gesundheitlichen Nutzen geht man davon aus, dass der Wert zwischen 40 und 60 Nanogramm pro Milliliter liegen sollte (oder: 100 bis 150 Nanomol pro Liter).

Verzeichnis der Studien und Quellen

Gröber, U. (2018): Arzneimittel und Mikronährstoffe. Medikationsorientierte Supplementierung. 4. Aufl. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH Stuttgart.

Gröber, U. (2020): Common drugs as vitamin D disruptors. J Transl Sci, 2020. 6: 1-4. https://www.oatext.com/common-drugs-as-vitamin-d-disruptors.php, abgerufen am: 12.06.2020.

Gröber, U. (2011): Mikronährstoffe. Metabolic Tuning – Prävention – Therapie. 3. Aufl. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH Stuttgart.

Über den Autor

Uwe Gröber

Uwe Gröber ist Leiter der Akademie für Mikronährstoffmedizin in Essen und Autor zahlreicher Publikationen, Fachbücher und Buchbeiträge. Er studierte Pharmazie an der Johann-Wolfgang Goethe Universität in Frankfurt und zählt zu den führenden Mikronährstoffexperten Deutschlands mit seinen Spezialgebieten Pharmakologie, Mikronährstoffmedizin, Wechselwirkungen zwischen Arzneimitteln und Mikronährstoffen, Metabolic Tuning, Ernährungs-, Sport- und Präventivmedizin sowie komplementäre Verfahren in der Diabetologie und Onkologie (z.B. Tumoranämie). Neben seiner medizinisch-wissenschaftlichen Beratungstätigkeit ist er europaweit seit Jahren aktiv in der Aus- und Fortbildung von Ärzten, Apothekern und Ernährungswissenschaftlern tätig, unter anderem als Dozent an der Dresdner International University (DIU). Zudem ist er aktives Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Prävention und integrative Onkologie (PRIO) der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG).

Porträt Uwe Gröber