Probiotika und Impfungen

Wie eine gesunde Darmflora den Impfschutz verbessern kann

Eine Person bekommt ein Pflaster auf ihren Oberarm geklebt
Viele Faktoren beeinflussen das Ansprechen auf eine Impfung. Dazu gehören unter anderem die Ernährung, Stress sowie die Genetik. Bild: iStock.com/FotoDuets

Impfdurchbrüche und Risikopersonen

Ein lang anhaltender und wirksamer Impfschutz ist aktuell wichtiger denn je. Das zeigt sich durch die Coronapandemie. Aber auch die jährliche Grippeimpfung muss gut schützen. Gerade für Risikogruppen kann eine Grippe gefährlich werden. Besonders betroffen sind Menschen ab 60 Jahren, Schwangere und chronisch Kranke. Daneben wird die Grippeschutzimpfung Personen empfohlen, die häufigen Kontakt mit vielen Menschen haben.

Nicht immer schützen Impfungen zuverlässig. Impfdurchbrüche sind möglich. Bei manchen Menschen ist die Antwort des Immunsystems auf Impfstoffe generell weniger ausgeprägt. Dazu gehören Kleinkinder und ältere Personen. Auch unser Immunsystem „altert“. Deshalb ist das Risiko für einen Impfdurchbruch bei Senioren größer.

Viele Faktoren können das Ansprechen auf eine Impfung mitbestimmen. Möglich ist ein Einfluss der Ernährung und Mikronährstoffversorgung, von körperlichem und psychischem Stress sowie der Genetik. Neuere Forschung zeigt auch, dass die Bakterien in unserem Darm (Darmflora) einer dieser Faktoren sind und offensichtlich in den letzten Jahren unterschätzt wurden.

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Trotz der Impfdurchbrüche sind Impfungen gegen Grippeviren oder Pneumokokken für Menschen ab 60 Jahren nach wie vor die wirksamste Strategie, um sich vor diesen Infektionskrankheiten zu schützen. Sollte die Erkrankung ausbrechen, ist der Verlauf durch die Impfung meist leichter. Das zeigen auch Daten zu COVID-19. Daher sollte man sich den Empfehlungen entsprechend impfen lassen. 

Wie kann die Darmflora die Schutzwirkung von Impfungen steigern?

Nach einer Impfung werden im Körper bestimmte Immunzellen aktiviert, die Antikörper und in der Regel spezielle Gedächtniszellen bilden. Gerät der Körper dann mit Viren oder krankmachenden Bakterien in Kontakt, ist das Immunsystem schon „vorbereitet“. Es kommt entweder erst gar nicht zu einer Erkrankung oder sie verläuft wesentlich schwächer.

Die Darmflora (Mikrobiota) steht in engem Kontakt mit den Immunzellen im Darm – dem sogenannten darmassoziierten Immunsystem. Dadurch stärkt sie das Immunsystem und könnte vor Infektionen schützen. In den letzten Jahren fanden Forscher außerdem heraus, dass die Zusammensetzung der Darmflora Einfluss auf die Impfantwort haben kann. Die Mechanismen sind noch nicht vollständig erforscht. Wissenschaftler vermuten allerdings einige grundlegende Prinzipien:

  • Bestandteile von Darmbakterien werden vom Immunsystem wahrgenommen und könnten als natürliche Impfverstärker wirken.
  • Im Stoffwechsel der Darmbakterien entstehen Stoffe, welche die Immunzellen zur Energieversorgung nutzen können.

Dadurch dürfte die Darmflora die Herstellung verschiedener Immunbotenstoffe anregen, welche die Abwehrbereitschaft fördern.

Besserer Grippeschutz nach Impfung durch Probiotika

Laut kleinen Beobachtungsstudien ist eine gesunde Darmflora mit einer besseren Reaktion auf Impfstoffe verbunden. Deshalb schlussfolgern Forscher, dass eine Ergänzung lebender Bakterien die Impfwirkung verstärken müsste. Solche gesundheitsförderlichen Bakterien nennt man Probiotika.

Es gibt bereits positive Studien, in denen die Teilnehmer gezielt solche Präparate einnahmen. Sie bewirkten zum Beispiel höhere Mengen an Antikörpern nach den Impfungen. Die meisten Studien gibt es derzeit zur Grippeimpfung bei Erwachsenen und Senioren. Forscher haben die hochwertigen Studien bereits ausgewertet und zusammengefasst (Metaanalyse): Sie kamen zu dem Ergebnis, dass Probiotika das Ansprechen auf eine Impfung wirksam verbessern können.

Weitere positive Ergebnisse gibt es für Impfungen gegen:

  • Hepatitis B
  • Rotaviren (Schluckimpfung)
  • Diphtherie
  • Haemophilus influenzae Typ b (Hib)
  • Poliomyelitis (Kinderlähmung)

Einige Experten halten einen solchen Effekt auch bei Covid-Impfungen für möglich. Studien hierzu fehlen jedoch noch.

Probiotika: Welche Bakterienarten unterstützen eine Impfung?

In einer anderen Übersichtsarbeit zeigten jedoch nur rund die Hälfte der betrachteten Studien positive Effekte. Die Wissenschaftler vermuten, dass dies unter anderem an den Bakterien liegen könnte. Möglicherweise fördern einige Arten die Impfantwort besser als andere.

Für einige Stämme folgender Bakterienarten wurden bereits Effekte gezeigt:

  • Lactobacillus casei
  • Lactobacillus rhamnosus
  • Lactobacillus plantarum
  • Lactobacillus paracasei
  • Lactobacillus bulgaricus
  • Bifidobacterium breve
  • Streptococcus thermophilus

Zudem ist denkbar, dass vor allem Menschen mit einer gestörten Darmflora profitieren. Die Darmflora wird durch viele Faktoren beeinflusst – zum Beispiel durch das Alter, die Ernährung, chronische Erkrankungen und Medikamente wie Antibiotika.

Die Bedeutung von Postbiotika und Präbiotika

Neben lebenden Bakterien könnten abgetötete Bakterien interessant sein. Das gilt vor allem für Risikogruppen, für die lebende Bakterien nicht immer geeignet sind – zum Beispiel sehr alte und gebrechliche Menschen sowie Menschen mit stark geschwächtem Immunsystem. Bei ihnen könnten manche Probiotika zu einer übergreifenden Entzündung führen (Sepsis). Präparate mit toten Bakterien werden auch Postbiotika genannt.

Wichtig für einen gesunden Darm sind außerdem Ballaststoffe – sogenannte Präbiotika. Die speziellen Ballaststoffe sind gut löslich und können von den Darmbakterien als Nahrung verwertet werden. Bei diesem Fermentationsprozess entstehen die Stoffe, welche vermutlich als natürliche Impfverstärker wirken.

Fazit und Empfehlung für die Praxis bei Impfungen

Die Wirkung von Probiotika als Impfverstärker ist vielversprechend. Erste Grundlagen in der Forschung sind gelegt. Noch ist jedoch nicht klar, welche Bakterienarten am besten wirken oder welche Dosierung wie lange eingenommen werden sollte.

Für die Praxis kann man festhalten, dass ein gesunder Darm bei einer Impfung wichtig ist – und dafür ist wiederum eine Ernährung ratsam, die Ballaststoffe (Präbiotika) und probiotische Bakterien enthält. Für einen gesunden Darm sollte man rund 30 Gramm Ballaststoffe pro Tag aufnehmen. Ideal sind Vollkornprodukte. Wahlweise gibt es Präparate mit Ballaststoffen wie resistente Stärke.

Probiotische Bakterien sind zwar in Lebensmitteln wie Joghurt und Sauerkraut enthalten, allerdings oft in geringer Menge. Dadurch ist die Wahrscheinlichkeit kleiner, dass sich die Bakterien im Darm ansiedeln. Mit Präparaten ist dies einfacher zu erreichen: Sie enthalten meist 1 bis 10 Milliarden (1 bis 10 x 109) koloniebildende Einheiten. Eine Menge von mindestens einer Milliarde Bakterien hatte in Studien nachweislich einen positiven Effekt auf die Darmflora.

Am besten sind Präparate, die verschiedene Laktobazillen und Bifidobakterien enthalten. Ein breites Spektrum steigert die Wahrscheinlichkeit, dass sie gut wirken. Aber Achtung: Probiotika muss man regelmäßig zuführen. Hört man damit auf, verschwinden die Bakterien nach einiger Zeit wieder aus dem Darm.

Verzeichnis der Studien und Quellen

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Über die Autorin

Dr. med. Elke Mantwill

Frau Dr. med. Mantwill ist niedergelassene Fachärztin für Allgemeinmedizin. Sie  erwarb die Zusatzbezeichnungen in den Bereichen Ernährungsmedizin, Sportmedizin, Phlebologie und Akupunktur. Die Tätigkeitsschwerpunkte in ihrer allgemeinmedizinischen Praxis sind Ernährungs- und Sportmedizin. Seit 2000 beschäftigt sie sich mit der Orthomolekular-Medizin und ist seit 2002 als Referentin im Bereich der Ernährungs- und Orthomolekularmedizin aktiv. Als begeisterte Ausdauersportlerin führt sie zudem Ernährungsberatungen für Leistungssportler durch.