Vitamin D: kein Hype, sondern Medizin!

Drei entscheidende wissenschaftliche Erkenntnisse, die aber immer noch unter den Tisch fallen

Vitamin-D
Noch immer werden wissenschaftliche Erkenntnisse kaum beachtet – und dass, obwohl sie ständig durch neue Studien untermauert werden. Bild: Ankabala/iStock/Getty Images Plus

Vitamin D: wichtiger denn je

Im Winter ist Vitamin D wieder ein großes Thema. Vor allem, wenn im Sommer die Speicher nicht ausreichend gefüllt wurden, droht ein Mangel. Normalerweise kann der Körper durch Sonnenstrahlen Vitamin D selbst bilden. Sonnenschutz und die dunkle Jahreszeit schränken dies jedoch massiv ein.

Neue Erkenntnisse und hochwertige Studien bekräftigen die bisherigen Ergebnisse immer wieder. Dennoch werden sie kaum umgesetzt. Es könnte einen enormen Beitrag zur Gesundheit leisten, wenn folgende drei Punkte endlich berücksichtigt würden.

Punkt 1: Anreicherung von Lebensmitteln

In Finnland wird Milch schon seit über zehn Jahren mit Vitamin D angereichert. Milch und Milchprodukte leisten dort einen unverzichtbaren Beitrag zur Versorgung: Sie machen 30 bis 60 Prozent aus. Die Zahlen aus Finnland sind eindeutig: Die Vitamin-D-Zufuhr erhöhte sich so – je nach Geschlecht – von 3 bis 5 Mikrogramm (120 bis 200 Internationale Einheiten) auf 17 bis 18 Mikrogramm (680 bis 720 Internationale Einheiten) pro Tag. Auch für die Blutwerte bedeutete das einen Anstieg: Der durchschnittliche Spiegel erhöhte sich innerhalb von elf Jahren von knapp 20 auf 26 Nanogramm pro Milliliter. Damit hat, statistisch gesehen, fast niemand mehr einen Vitamin-D-Mangel (unter 20 Nanogramm pro Milliliter).

In Deutschland sieht es anders aus: Ein Mangel ist weit verbreitet . Experten fordern ebenfalls eine Anreicherung, denn über eine herkömmliche Ernährung lässt sich der Bedarf nicht decken. Für Vitamin-D-Spiegel zwischen 10 und 20 Nanogramm pro Milliliter müssten 10 bis 20 Mikrogramm (400 bis 800 Internationale Einheiten) aufgenommen werden. Die durchschnittliche Verzehrmenge ist jedoch ähnlich schlecht wie in Finnland vor der Anreicherung: 2 bis 4 Mikrogramm (80 bis 160 Internationale Einheiten).

Experten gehen davon aus, dass die Anreicherung eines Grundnahrungsmittels wie Milch einen bedeutenden Einfluss auf die Gesundheit hätte. Es wurden sogar schon klare Empfehlungen formuliert. In Deutschland dürfen allerdings bisher nur Margarine und sogenannte Mischfetterzeugnisse angereichert werden. Das sind Streichfette mit einem festgelegten Milchanteil. Alles andere ist verboten. Wann haben Sie das letzte Mal reichlich Streichfett gegessen – oder doch eher Milch und daraus hergestellte Produkte? Eine Anreicherung würde langfristig auch weniger Kosten für das Gesundheitssystem zur Folge haben.

Vorzeigebeispiel ist wieder Finnland: Es ist weltweit das Land mit der höchsten Neuerkrankungsrate für Diabetes Typ 1. Bei Diabetes Typ 1 produziert die Bauchspeicheldrüse kein Insulin. Ohne Insulin können die Zellen den Zucker aus dem Blut nicht zur Energiegewinnung nutzen. Die Erkrankung tritt bereits im Kindesalter auf. Grund für das fehlende Insulin ist eine Fehlsteuerung des Immunsystems: Die Abwehrzellen greifen körpereigene Zellen der Bauchspeicheldrüse an, die normalerweise Insulin produzieren (Autoimmunerkrankung).

Da Vitamin D eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung und Funktion des Immunsystems hat, vermuten Wissenschaftler einen Zusammenhang: Die Neuerkrankungsrate für Typ-1-Diabetes stieg lange Zeit weiter an. Doch inzwischen wurde ein Plateau erreicht; und dies könnte an der besseren Versorgung mit Vitamin D liegen.

Punkt 2: statistischen Fehler bei der Bedarfsberechnung berücksichtigen

Vor einiger Zeit wurde für die USA und Kanada ein schwerer statistischer Fehler entdeckt: Die Berechnung der täglich empfohlenen Menge für Vitamin D über die Ernährung (RDA) ist allem Anschein nach falsch. RDA steht für „Recommended Dietary Allowance“ und deckt, rechnerisch gesehen, den Bedarf von 97,5 Prozent der Bevölkerung. Mit der in USA und Kanada empfohlenen Menge von 600 Internationalen Einheiten lässt sich angeblich ein Vitamin-D-Spiegel von 20 Nanogramm pro Milliliter erreichen.

Eine neue Analyse der Daten zeigt aber, dass das nicht stimmt. 600 Internationale Einheiten Vitamin D pro Tag führen lediglich zu einem Spiegel um 10 Nanogramm pro Milliliter. Für einen Vitamin-D-Spiegel von 20 Nanogramm pro Milliliter müssten knapp 8.900 Internationale Einheiten zur Verfügung stehen, damit 97,5 Prozent der Bevölkerung ausreichend versorgt sind. In einer anderen Studie kamen Forscher zu dem Ergebnis, dass 6.200 Internationale Einheiten pro Tag nötig sind, um einen Wert von 30 Nanogramm pro Milliliter zu erreichen.

Dieser Fehler wurde schon im Jahr 2014 festgestellt. Danach hörte man allerdings nichts mehr davon. Zwar bedeutet das nicht automatisch, dass diese hohe Dosierung blind empfohlen werden sollte – denn Vitamin D kann langfristig auch überdosiert werden. Allerdings muss etwas passieren. Denn die zurzeit in Deutschland als ausreichend angesehenen 800 Internationalen Einheiten sind definitiv zu wenig.

Punkt 3: den Vitamin-D-Spiegel beachten

Bei Vitamin D reicht eine Dosierungsempfehlung allein nicht aus. Ausschlaggebend sind die Blutspiegel. Denn bei einem vorliegenden Mangel sind höhere Mengen nötig, um den Spiegel in einen gesundheitsfördernden Bereich zu bringen. Sprich: Eine fixe allgemeingültige Dosierung könnte bei den einen helfen, die Spiegel zu normalisieren – bei anderen aber wirkungslos sein.

Ein Beispiel ist eine Untersuchung zur Rate an Frühgeburten. Bekamen Schwangere Vitamin D in der allgemein empfohlenen Dosierung von 400 Internationalen Einheiten, war die Anzahl an Frühgeburten ähnlich hoch wie in der Kontrollgruppe. Man könnte also schlussfolgern, dass Vitamin D keinen Einfluss auf das Risiko einer Frühgeburt hat.

Anders war es jedoch, wenn sich Forscher die Blutspiegel anschauten: Bei einem Vitamin-D-Spiegel unter 20 Nanogramm pro Milliliter lag die Anzahl an Frühgeburten bei 17,1 Prozent; bei Spiegeln über 40 Nanogramm pro Milliliter lag sie nur bei 7,3 Prozent. Das ist statistisch gesehen ein bedeutender Effekt (signifikant).

Fazit

Die Wirkung von Vitamin D auf die Knochen ist altbekannt – nicht aber die Erkenntnisse der letzten zehn bis 20 Jahre. Denn trotz zunehmender Studienlage ist der tägliche Bedarf für die meisten zu niedrig berechnet. Die aktuellen Empfehlungen in Deutschland von 800 Internationalen Einheiten pro Tag sind nur ausreichend, damit Vitamin D seine Wirkungen auf den Knochen erfüllen kann. Die anderen Wirkungen – zum Beispiel für das Immunsystem – fallen dabei unter den Tisch. Helfen könnte eine Anreicherung von Lebensmitteln mit Vitamin D.

Das Thema Vitamin D ist also kein Hype, sondern Medizin und Wissenschaft. Es gibt immer mehr Beweise dafür, dass die Bedeutung von Vitamin D in der Allgemeinheit noch unterschätzt wird. Das Thema Vitamin D ist demnach aktueller denn je.

Am besten sollten die Blutspiegel regelmäßig kontrolliert werden – zum Beispiel zweimal im Jahr. Nur so kann ein Mangel tatsächlich vermieden werden. Als grobe Faustregel gilt: Zehn Tage lang 10.000 Internationale Einheiten pro Tag, zusätzlich zur körpereigenen Bildung von ungefähr 4.500 Internationalen Einheiten, erhöhen den Spiegel um 10 Nanogramm pro Milliliter. Alles zur richtigen Dosierung erfahren Sie im Text zu Vitamin D.

Verzeichnis der Studien und Quellen

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Über den Autor

Dr. med. Rainer Spichalsky

Dr. med. Rainer Spichalsky ist Facharzt für Allgemeinmedizin. Neben der schulmedizinischen Ausbildung erwarb er weitere Fachqualifikationen als Arzt für Applied  Kinesiology,  F.X. Mayer Arzt und manuelle Therapie. Zudem ist Herr Dr. med Spichalsky zertifizierter Anti-Aging Arzt gemäß GSAAM und Orthomolekular Therapeut. Neben seiner Tätigkeit als Geschäftsführer einer ärztlichen Partnerschaftsgesellschaft ist der diplomierte Gesundheitsheitsökonom unter anderem auch Dozent für orthomolekulare Therapie.

Porträtfofo Wissenschaftlicher Beirat Dr. med. Rainer Spichalsky