Warum Omega-3-Fettsäuren bei Kranken doch wichtig sind

In den Schlagzeilen werden Omega-3-Fettsäuren oft an den Pranger gestellt. Allerdings wird nie zwischen Gesunden und Kranken unterschieden – für Kranke sind Omega-3-Fettsäuren besonders wichtig. 

Omega 3 in der Kritik

Der Spiegel veröffentlichte in seiner Ausgabe 11/2018 den Artikel „Warum Omega-3-Präparate den Fortbestand der Pinguine gefährden“. Eigentlich geht es um das Überfischen der Meere und um ökologische Zusammenhänge des Krillfangs – des Fangs von Krebstieren, die reich an Omega-3-Fettsäuren sind. Aber gleichzeitig wird ausgeholt zum Rundumschlag gegen die Wirkung von Omega-3-Fettsäuren.

Dabei macht der Spiegel einen Fehler: Er trennt nicht zwischen Gesunden und Kranken. Es ist durchaus ein Unterschied, ob ein Werbespot Omega-3-Fettsäuren als „Lifestyle-Präparat“ bewirbt oder ein Arzt sie zur Therapie empfiehlt.

Gesund und krank unterscheiden

Gesunde, die ausreichend Omega-3-Fettsäuren mit der Nahrung aufnehmen, profitieren nach der aktuellen Studienlage wenig oder kaum von einer zusätzlichen Einnahme: Ein Mensch, der gesund ist, sollte sich gesund ernähren und dadurch gesund bleiben. Es ist jedoch ein Fehler, darauf herumzureiten: Mikronährstoffmedizin betrifft nämlich hauptsächlich Kranke oder Personen mit einem hohen Risiko – und bei denen wirken Omega-3-Fettsäuren durchaus!

Aus Omega-3-Fettsäuren stellt der Körper Botenstoffe her, die Entzündungen hemmen. Bei allen chronischen Erkrankungen mit Entzündungsprozessen können sie deshalb nützlich sein – dies belegen viele Studien mit Kranken: Nicht nur bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind sie förderlich, auch bei Diabetes und Depressionen. Und nicht zu vergessen bei entzündlichen Gelenkbeschwerden – das gibt sogar der Spiegel zu.

Studien in der Mikronährstoffmedizin sind nie ohne methodische Fehler

Es gibt immer Studien, die Wirkungen bestimmter Stoffe nachweisen und solche ohne – so ist Wissenschaft. Studien in der Mikronährstoffmedizin sind grundsätzlich sehr anfällig für Fehler, auch bei Omega-3-Fettsäuren:

  1. Wann wurden sie eingenommen? Die Aufnahme von Omega-3-Fettsäuren im Darm ist bis zu 13-mal besser, wenn sie mit einer fetthaltigen Mahlzeit eingenommen werden, im Gegensatz zur morgendlichen Einnahme auf nüchternen Magen. Und nicht nur das: Mindestens 10 Gramm Fett sind nötig, damit sie in ausreichendem Maß ins Blut gelangen. 10 Gramm Fett stecken in einer kleinen Handvoll Walnüsse oder einer großen Scheibe Gouda.
  2. Wie war die Versorgung vor der Studie? Ist die Versorgung mit Omega-3-Fettsäuren bereits gut, kann man nicht erwarten, dass eine Verbesserung erreicht wird. Ob die Versorgung gut ist, kann nur eine Blutuntersuchung nachweisen. Der Omega-3-Index gibt das ideale Maß vor.
  3. Welches Messergebnis hat die Studie? Viele Studien untersuchen den Einfluss auf die Lebenserwartung, messen also, ob der Tod früher eintritt. „Tod“ als Studienergebnis ist allerdings viel zu komplex: Ändert sich ein einzelner Faktor, zum Beispiel körperliche Bewegung, hat dies Einfluss. Besser sind Werte, die Forscher im Labor prüfen oder medizinische Untersuchungen, wie die Dicke der Blutgefäßwände bei Gefäßverkalkung (Intima-Media-Messung).

Es gibt kaum eine Studie zu Omega-3-Fettsäuren, in der diese drei Fehler nicht auftauchen. Deshalb muss dies in den Schlagzeilen bei der Bewertung der Studien viel genauer dargestellt werden – und nicht nur in einem Nebensatz.

Unsere Ernährung hat sich verändert

Fakt ist, dass sich unsere Ernährung geändert hat: Während man vor 100.000 Jahren Omega 3 im Verhältnis von 1:2 zu entzündungsfördernden Omega-6-Fettsäuren aß, hat die Zufuhr an entzündungsfördernden Omega-6-Fettsäuren stark zugenommen. Das Verhältnis liegt heute bei 1:15 bis 1:20.
Das bedeutet: Es ist auch wichtig, die Zufuhr an Omega-6-Fettsäuren einzuschränken, zum Beispiel aus Fleisch oder Eiern. Eine gesunde Ernährung soll also nicht durch Omega-3-Kapseln ersetzt werden. Alles über das richtige Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren-Verhältnis lesen Sie im Artikel zu Omega-3-Fettsäuren.

Es muss nicht Krill sein

Der Hype um das Krillöl ist mit Fakten nicht zu rechtfertigen: Krillöl ist zwar von Natur aus reiner, da die Krebse am Anfang der Nahrungskette stehen und keine anderen mit Schadstoffen belasteten Fische fressen, – gut gereinigtes Fischöl aus nachhaltigen Zuchtbetrieben ist aber genauso gut. Zudem gibt es inzwischen Omega-3-reiches Algenöl: Zwar muss noch nachgewiesen werden, ob es auch genauso wirksam ist wie Fischöl, erste Hinweise gibt es aber bereits.

Verzeichnis der Studien und Quellen

Bernstein, A.M. et al. (2012): A meta-analysis shows that docosahexaenoic acid from algal oil reduces serum triglycerides and increases HDL-cholesterol and LDL-cholesterol in persons without coronary heart disease. J Nutr. 142(1):99-104. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22113870, abgerufen am: 06.04.2018.  

Chen, C. et al. (2017): Association between omega‐3 fatty acids consumption and the risk of type 2 diabetes: A meta‐analysis of cohort studies. J Diabetes Investig. 8(4): 480–488. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5497038/, abgerufen am: 06.04.2018.   

Davidson, M.H. et al. (2012): A novel omega-3 free fatty acid formulation has dramatically improved bioavailability during a low-fat diet compared with omega-3-acid ethyl esters: the ECLIPSE (Epanova(®) compared to Lovaza(®) in a pharmacokinetic single-dose evaluation) study. J Clin Lipidol. 6(6):573-84. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23312053, abgerufen am: 06.04.2018. 

Elagizi, A.et al. (2018): Omega-3 Polyunsaturated Fatty Acids and Cardiovascular Health: A Comprehensive Review. Prog Cardiovasc Dis. S0033-0620(18)30061-6. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/29571892, abgerufen am: 06.04.2018.  

Gioxari, A. et al. (2018): Intake of ω-3 polyunsaturated fatty acids in patients with rheumatoid arthritis: a systematic review and meta-analysis. Nutrition. 45:114-124.e4. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/28965775, abgerufen am: 06.04.2018.   

Harris, W.S. et al. (2018): Erythrocyte long-chain omega-3 fatty acid levels are inversely associated with mortality and with incident cardiovascular disease: The Framingham Heart Study. J Clin Lipidol. S1933-2874(18)30061-8.https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/29559306, abgerufen am: 06.04.2018. 

Lane, K. et al. (2014): Bioavailability and potential uses of vegetarian sources of omega-3 fatty acids: a review of the literature. Crit Rev Food Sci Nutr. 54(5):572-9. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24261532, abgerufen am: 06.04.2018.

Lin, P.Y. et al. (2017): Polyunsaturated fatty acids in perinatal depression: a systematic review and meta-analysis. Biol Psychiatry. 82(8):560-569. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/29540267, abgerufen am: 06.04.2018. 


Über den Autor

Dr. med. Rainer Spichalsky

Dr. med. Rainer Spichalsky ist Facharzt für Allgemeinmedizin. Neben der schulmedizinischen Ausbildung erwarb er weitere Fachqualifikationen als Arzt für Applied  Kinesiology,  F.X. Mayer Arzt und manuelle Therapie. Zudem ist Herr Dr. med Spichalsky zertifizierter Anti-Aging Arzt gemäß GSAAM und Orthomolekular Therapeut. Neben seiner Tätigkeit als Geschäftsführer einer ärztlichen Partnerschaftsgesellschaft ist der diplomierte Gesundheitsheitsökonom unter anderem auch Dozent für orthomolekulare Therapie.

Porträtfofo Wissenschaftlicher Beirat Dr. med. Rainer Spichalsky

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