Vitamine gegen COVID-19

Ein Statement aus der Mikronährstoffmedizin zum Spiegel-Faktencheck „Schützen Vitamine vor dem Coronavirus?“

Illustrative Darstellung des COVID-19 Virus'
Das neuartige Coronavirus löst die Erkrankung COVID-19 aus. COVID-19 steht für „coronavirus disease 2019“, also auf Deutsch „Coronavirus-Krankheit 2019“. Bild: fotomay/iStock/Getty Images Plus

Spiegel-Faktencheck: Worum geht es?

Anfang April wurde auf Spiegel.de wieder ein vitaminkritischer Artikel veröffentlicht. Es handelt sich um einen „Faktencheck“ zur aktuellen Corona-Pandemie mit der Frage: „Schützen Vitamine vor dem Coronavirus?“. Der Untertitel ist: „Aktuell preisen Menschen Vitamin C und D als Wunderwaffe gegen Covid-19 an. Warum Sie sich trotzdem nicht dazu verleiten lassen sollten, sofort Nahrungsergänzungsmittel einzukaufen.“ 

Mikronährstoffmedizin wird von seriösen Experten  nie als Wunderwaffe dargestellt! Wir sind bei Weitem keine Vitamin-Gurus, die schreien „Nehmt Vitamine und ihr werdet nicht krank!“. Und das gilt übrigens auch für COVID-19 – der Erkrankung, die das Coronavirus SARS-CoV-2 hervorruft.  

Vielmehr geht es darum, dass viele Menschen nicht ausreichend mit Mikronährstoffen versorgt sind. Das beobachtet man in der Praxis durch Laboranalysen immer wieder. Und dann sollte diese Unterversorgung auch ausgeglichen werden – sowohl zur Vorbeugung von Erkrankungen als auch zur unterstützenden Behandlung. 

Zudem muss man sich die vom Spiegel verwendeten Studien genauer anschauen, um zu behaupten, dass die Einnahme von Vitaminen nicht nötig sei. Denn zeigen die Studien wirklich immer, dass Vitamine nichts bringen? 

Studien zu Vitamin C auf dem Prüfstand

Das Fazit aus dem Spiegel-Artikel zu Vitamin C ist: „Vitamin-C-Tabletten schützen nach Stand der Wissenschaft nicht vor Erkältungen.“ Erkältungen werden häufig durch Viren verursacht, darunter Rhinoviren und auch andere Coronaviren (nicht SARS-CoV-2). Deshalb werden solche Studien momentan herangezogen. 

Folgende drei Studien gibt der Spiegel an. Doch, wenn man sie sich genauer anschaut, sieht man, dass die Wissenschaftler auch noch etwas anderes  schlussfolgern: 

  • Es gibt Hinweise, dass Vitamin C bei Personen gerechtfertigt sein könnte, die für kurze Zeiträume schwerer körperlicher Betätigung und/oder Kälte ausgesetzt sind. Auch kleine Vorteile bezüglich Dauer und Schwere der Beschwerden für diejenigen, die Vitamin C regelmäßig zur Vorbeugung einnehmen, deutet auf eine Rolle von Vitamin C bei Abwehrmechanismen in den Atemwegen hin (Douglas et al. 2004). 

  • Krankenpfleger/-innen sollten ihren Patienten raten, dass der regelmäßige Verzehr von Vitamin C die Dauer von Erkältungssymptomen verkürzen kann, jedoch nicht die Schwere der Symptome beeinflusst oder zur Vorbeugung wirkt (Heimer et al. 2009). 

  • Auch wenn keine vorbeugenden Wirkungen gefunden wurden, reduzierte die Vitamin-C-Zufuhr die Dauer von Infektionen der oberen Atemwege. In Anbetracht der Häufigkeit dieser Infektionen, der unangemessenen Verschreibung von Antibiotika und der sicheren Natur von Vitamin C ist seine Ergänzung gerechtfertigt, insbesondere bei Kindern unter sechs Jahren und solchen, die häufig betroffen sind (Vorilhon et al. 2019). 

Wie der Spiegel dazu kommt, dass Vitamin C überhaupt keine Rolle bei Erkältungen spielt, ist fragwürdig. Denn das Gesamtbild ist ein anderes. 

Vitamin D: vor allem im Winter unverzichtbar!

Ein Nutzen einer Vitamin-D-Ergänzung für das Immunsystem wird zwar im Spiegel-Artikel aufgeführt. Allerdings wird davor gewarnt, nun die „größtmögliche Packung Vitamin D“ zu kaufen. Als Quelle ist die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) aufgeführt, die angeblich nur zur Einnahme rät, „wenn tatsächlich eine Unterversorgung vorliegt, also wenn ein zu niedriger Wert nachgewiesen ist und man einen besseren Wert nicht durch Aufenthalte in der Sonne sowie die Ernährung erreichen kann“. 

Allerdings rät die DGE in demselben Text auch dazu, Vitamin D zu ergänzen, wenn die körpereigene Vitamin-D-Bildung über die Haut nicht ausreicht. Zum Thema COVID-19 hat die DGE folgende Presseinformation herausgegeben: „Trotz Kontaktverbot können Sie jetzt etwas für Ihren Vitamin-D-Haushalt tun“. Und die körpereigene Vitamin-D-Produktion reicht bekanntlich jeden Winter nicht aus. Von ungefähr Oktober bis Ende März ist die Sonnenstrahlung zu schwach, um die Vitamin-D-Produktion in Gang zu setzen. Zwar haben wir im Winter theoretisch unsere Speicher vom Sommer, die müssen aber erstmal ausreichend gefüllt werden. Sonnenschutzmittel und der Aufenthalt in geschlossenen Räumen schränken dies im Sommer ein. 

Man kann sich sicher über Dosierungen und Grenzwerte für einen Mangel streiten. Aber Fakt ist, eine Menge Studien  zeigen, dass bei niedrigem Vitamin-D-Blutspiegel eine tägliche Ergänzung von Vitamin D eine deutliche Verbesserung der Abwehrsituation mit sich bringt. 

Kritikpunkt „Vitamin-Spritzen“ und Überdosierungen

Es fällt im Spiegel-Artikel immer wieder das Argument einer nicht existierenden „Vitamin-Spritze“ gegen lebensbedrohliche Krankheiten wie COVID-19. Die wenigsten Mikronährstoff-Experten empfehlen dauerhaft hoch dosierte „Vitamin-Spritzen“ (Bolusgaben) – und schon gar nicht bei Vitamin D mit mehreren Hunderttausend Internationalen Einheiten. Hier ist die tägliche Einnahme in  natürlichen und bedarfsgerechten Dosierungen angedacht. 

Auch die Gefahr einer Überdosierung wird im Spiegel-Artikel sehr hoch aufgehängt – vor allem für Nierensteine durch Vitamin C und D. Bei Vitamin D steigt die Gefahr für eine Überdosierung bei einer dauerhaften Einnahme von über 4.000 Internationalen Einheiten pro Tag. Das ist eine Menge, die auch in der Mikronährstoffmedizin auf Dauer nicht ohne regelmäßige Blutkontrolle empfohlen wird! 

Die Studie, die zu Vitamin C herangezogen wird, weist zudem einige Mängel auf. Darauf weisen auch die Wissenschaftler selbst hin. Zum Beispiel wurden die Daten durch Fragebögen erhoben, was grundsätzlich sehr fehleranfällig ist. Hinzu kommt: Es lagen keine Informationen über die Zusammensetzung der Nierensteine vor (Ferraro et al. 2017). Nicht bei allen Nierensteinen spielt Oxalsäure, ein Abbauprodukt von Vitamin C, eine Rolle. Die Qualität dieser Studie wird im Übrigen im Spiegel-Artikel nicht diskutiert. 

Spielt Vitamin D eine Rolle für COVID-19-Komplikationen?

Zu möglichen Komplikationen einer Coronavirus-Infektion gehören eine Lungenentzündung oder sogar eine Sepsis. Bei einer Sepsis handelt es sich um eine generalisierte Entzündung, die lebensbedrohlich ist. Für solche Komplikationen bei COVID-19 ist ein Vitamin-D-Mangel angeblich kein Risikofaktor. Um dies zu belegen, werden im Spiegel-Artikel zwei Studien genannt. 

Dieser Einwand ist wahrscheinlich korrekt. Auch wenn viele Teilnehmer einen Mangel hatten, ist Vitamin D tatsächlich kein unabhängiger Risikofaktor – schon gar nicht für die Sterberate. Denn Sterben ist ein sehr komplexer Vorgang und selbstverständlich nicht von einem einzelnen Vitamin abhängig. Vielmehr ist ein Vitamin-D-Mangel ein Begleitfaktor, der zum Beispiel die Folge einer chronischen Grunderkrankung ist. Der Vitamin-D-Spiegel kann aber sehr wohl bei kritisch kranken Personen als „Helfer“ beurteilt werden. 

Zudem werden im Spiegel-Artikel zwei Studien zur Vitamin-D-Einnahme zum Schutz vor Lungenentzündung  genannt: 

  • In der ersten Studie verglichen die Forscher fast 34.000 Krankenhaus-Patienten mit Lungenentzündung mit über 105.000 Patienten ohne Lungenentzündung. Die Wissenschaftler schlussfolgern, dass die Einnahme von Vitamin D nicht mit einem geringeren Risiko für eine Lungenentzündung verbunden war (Remmelts et al. 2013). Wieder wird jedoch im Spiegel-Artikel verschwiegen, dass es einen Effekt gab, und zwar dann, wenn die begleitende Anwendung von Corticosteroiden (zum Beispiel Cortison) und Medikamenten, die die Knochenmineralisation beeinflussen, analysiert wurden. Solche Medikamente werden bei Lungenerkrankungen häufig eingesetzt. Vor allem begleitend zu Glucocorticoiden sollte Vitamin D (mit Calcium) ergänzt werden. 

  • Die Autoren der zweiten Studie kommen zu dem Schluss, dass eine Einzeldosis von 200.000 Internationalen Einheiten Vitamin D in Kombination mit der Standardtherapie die Heilung einer zu Hause (ambulant) erworbenen Lungenentzündung nicht verbesserte (Slow et al. 2018). Und auch hier ist klar: Eine solche Einzeldosis als „Vitamin-Spritze“ entspricht nicht den Forderungen der Mikronährstoffmedizin. 

Fazit

Zu folgendem Fazit kommt man im Spiegel-Artikel: „Wer aktuell behauptet, dass Vitamine garantiert gegen Covid-19 helfen, übertreibt: Das kann zurzeit nämlich niemand wissen.“ Weiter heißt es: „Auch wenn Vitamine grundsätzlich lebenswichtige Substanzen sind und ein Mangel schadet, fördert die Einnahme von Vitaminpräparaten nicht unbedingt die Gesundheit.“ 

Mit Sicherheit können wir sagen, dass Vitamine keine allzeitige Wunderwaffe sind – auch nicht gegen COVID-19 oder zum Schutz vor Coronaviren wie SARS-CoV-2. Wir können aber auch mit Sicherheit behaupten, dass ein Mangel an Mikronährstoffen Folgen in der Biochemie unseres Körpers hat. Und das gilt zum Beispiel für unser Immunsystem. Es gibt viele Anhaltspunkte dafür, dass ein Ausgleich dieser Mangelsituation eine Verbesserung im Krankheitsverlauf bringen könnte. 

Natürlich wissen wir noch sehr wenig über COVID-19. Wir wollen aber alles tun, um die besten Voraussetzungen zu schaffen, uns gegen das Coronavirus zu wappnen. Dazu gehört es, die Waffe, die uns die Natur gegen eine solche Viruserkrankung gegeben hat, zu schärfen – und zwar durch einen gesunden Lebensstil mit einer ausgewogenen Ernährung, ausreichend Bewegung und Schlaf sowie einem ausbalancierten Mikronährstoffhaushalt. Und selbstverständlich muss das Kontaktverbot eingehalten werden! 

Verzeichnis der Studien und Quellen

Aygencel, G. et al. (2013): Is Vitamin D Insufficiency Associated with Mortality of Critically Ill Patients? Crit Care Res Pract. 2013; 2013: 856747. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4449478/, abgerufen am: 17.04.2020. 

Deutsche Gesellschaft für Ernährung (2020): Trotz Kontaktverbot können Sie jetzt etwas für Ihren Vitamin-D-Haushalt tun. Presseinformation: Presse, DGE aktuell 05/2020 vom 26.03.2020. https://www.dge.de/presse/pm/trotz-kontaktverbot-koennen-sie-jetzt-etwas-fuer-ihren-vitamin-d-haushalt-tun/, abgerufen am: 17.04.2020. 

Douglas, R. M. et al. (2004): Vitamin C for Preventing and Treating the Common Cold. Cochrane Database Syst Rev. 2004 Oct 18;(4):CD000980. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/15495002/, abgerufen am: 17.04.2002 

Ferraro, P. M. et al. (2016): Total, Dietary, and Supplemental Vitamin C Intake and Risk of Incident Kidney Stones. Am J Kidney Dis. 2016 Mar; 67(3): 400–407. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4769668/, abgerufen am: 20.04.2020. 

Heimer, K. A. et al. (2009): Examining the Evidence for the Use of Vitamin C in the Prophylaxis and Treatment of the Common Cold. J Am Acad Nurse Pract. 2009 May;21(5):295-300. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/19432914/, abgerufen am: 17.04.2020. 

Remmelts, H. H. F. et al. (2013): The Role of Vitamin D Supplementation in the Risk of Developing Pneumonia: Three Independent Case-Control Studies. Thorax. 2013 Nov;68(11):990-6. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/23892991/, abgerufen am: 20.04.2020. 

Sanaie, S. et al. (2019): The Relationship of Serum Vitamin D Level With the Outcome in Surgical Intensive Care Unit Patients. Iran J Pharm Res. Spring 2019;18(2):1052-1059. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/31531086/, abgerufen am: 17.04.2020.  

Slow, S. et al. (2018): Effect of Adjunctive Single High-Dose Vitamin D 3 on Outcome of Community-Acquired Pneumonia in Hospitalised Adults: The VIDCAPS Randomised Controlled Trial. Sci Rep. 2018 Sep 14;8(1):13829. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30218062/, abgerufen am: 20.04.2020.  

Vorilhon, P. et al. (2019): Efficacy of Vitamin C for the Prevention and Treatment of Upper Respiratory Tract Infection. A Meta-Analysis in Children. Eur J Clin Pharmacol. 2019 Mar;75(3):303-311. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30465062/, abgerufen am: 17.04.2020. 

Weber, N. (2020): Faktencheck. Schützen Vitamine vor dem Coronavirus? Spiegel.de https://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/coronavirus-sind-vitamine-ein-mittel-gegen-covid-19-der-faktencheck-a-3b139bc6-8233-48d3-a41c-82f01ec86b55, abgerufen am: 17.04.2020.  

Über den Autor

Dr. med. Rainer Spichalsky

Dr. med. Rainer Spichalsky ist Facharzt für Allgemeinmedizin. Neben der schulmedizinischen Ausbildung erwarb er weitere Fachqualifikationen als Arzt für Applied  Kinesiology,  F.X. Mayer Arzt und manuelle Therapie. Zudem ist Herr Dr. med Spichalsky zertifizierter Anti-Aging Arzt gemäß GSAAM und Orthomolekular Therapeut. Neben seiner Tätigkeit als Geschäftsführer einer ärztlichen Partnerschaftsgesellschaft ist der diplomierte Gesundheitsheitsökonom unter anderem auch Dozent für orthomolekulare Therapie.

Porträtfofo Wissenschaftlicher Beirat Dr. med. Rainer Spichalsky