Alles dreht sich um Corona – auch Vitamin D

Studien legen nahe: ein Vitamin-D-Mangel hat Einfluss auf den Verlauf von COVID-19

Sonne scheint schwach durch einen Vorhang
Ab Oktober bildet unsere Haut kein Vitamin D mehr, da die Sonnenstrahlung zu schwach ist. Gerade jetzt in Zeiten der Corona-Pandemie sollte Vitamin D für das Immunsystem aber unter keinen Umständen fehlen. Bild: kieferpix/iStock/Getty Images Plus

Vitamin D: jetzt wichtiger denn je

Mit dem Herbst werden die Tage kürzer und die Intensität der Sonnenstrahlung nimmt ab. Damit unser Körper ausreichend Vitamin D produziert, ist jedoch eine gewisse Intensität an Sonnenstrahlung Grundvoraussetzung (UV-Index über 3, wird in Wetter-Apps angezeigt). Ab Oktober, spätestens aber im Winter, bildet unsere Haut kein Vitamin D mehr.

Dabei ist das gerade jetzt wichtiger denn je, da Vitamin D unerlässlich für das Immunsystem ist. Ein Mangel kann verheerende Folgen für die Funktion unserer Abwehrzellen haben – vor allem in Zeiten einer Pandemie. Die Zahlen der Neuinfektionen mit dem Coronavirus sind in den letzten Wochen massiv angestiegen.

Der renommierte Vitamin-D-Forscher Michael F. Holick veröffentlichte im September 2020 zusammen mit Kaufman et al. eine Studienauswertung mit über 190.000 Teilnehmern aus den USA. Sie stellten fest, dass ein positiver Test auf das Coronavirus SARS-CoV-2 stark mit dem Vitamin-D-Spiegel zusammenhing: Je höher der Spiegel, desto weniger positive Tests gab es. Dieser Zusammenhang bestand unabhängig von der Herkunft, dem Geschlecht und dem Alter.

Vitamin-D-Mangel als möglicher Schuldiger für einen schweren COVID-19-Verlauf

In den letzten Monaten erschienen viele wissenschaftliche Artikel zum Thema „Vitamin D und Corona“. Die meisten Forscher beschäftigten sich mit dem Einfluss des Vitamin-D-Spiegels auf den Verlauf der Infektion. Einige interessante Studien wurden bereits im Juli 2020 veröffentlicht, zum Beispiel diese zwei:

  • Munshi et al. schlussfolgerten, dass die Vitamin-D-Blutwerte zur Beurteilung der COVID-19-Prognose mit einbezogen werden könnten. Sie stellten fest, dass Patienten mit einer schlechten Prognose einen deutlich geringeren Spiegel hatten als Patienten mit einer guten Prognose. Dazu betrachteten sie 376 an COVID-19 Erkrankte aus 6 verschiedenen Studien.
  • Merzon et al. kamen zu dem Schluss, dass ein niedriger Vitamin-D-Spiegel ein unabhängiger Risikofaktor sein könnte für eine COVID-19-Infektion sowie für den Aufenthalt im Krankenhaus. Ihre Analysen zeigten einen solchen Zusammenhang. Dafür betrachteten die Forscher Daten von 7.807 Personen.

Und damit nicht genug: Die Anzahl an Veröffentlichungen steigt stetig. Im August 2020 zeigten beispielsweise Baktash et al., dass Personen über 65 Jahre mit einem Vitamin-D-Mangel und COVID-19 einen schlechteren Verlauf hatten als ohne Mangel. Die Forscher betrachteten 70 Patienten, wovon 39 einen Vitamin-D-Mangel hatten.

Ähnliche Daten liegen aus Deutschland  von Radujkovic et al. vor: Bei einem Vitamin-D-Mangel war das Risiko, künstlich beatmet werden zu müssen um den Faktor 6,12 höher und das Sterberisiko sogar um den Faktor 14,7. In dieser Studie wurden 185 Patienten betrachtet.

Welche Wirkungen könnte Vitamin D bei COVID-19 haben?

Zwischen Vitamin D und unserem Immunsystem gibt es ein komplexes Zusammenspiel. Zum Beispiel braucht es der Körper, damit bestimmte Abwehrstoffe gebildet werden (Cathelicidine und Defensine). Diese Stoffe wirken direkt gegen Viren und Bakterien.

Auch haben unsere Immunzellen Andockstellen für Vitamin D – was bedeutet, dass es für deren Funktion notwendig ist. Außerdem ist Vitamin D für die Gesundheit der Lunge wichtig: Zellen der Lunge und der Blutgefäße besitzen ebenfalls Vitamin-D-Andockstellen.

Darüber hinaus reguliert Vitamin D das Entzündungsgeschehen und wirkt entzündungshemmend. Vor allem beim akuten Atemnotsyndrom (ARDS) infolge der COVID-19-Infektionen spielen Entzündungsprozesse eine entscheidende Rolle.

Gründe für einen Vitamin-D-Mangel

Der Winter ist ein Grund, warum wir schlecht mit Vitamin D versorgt sein können. Es gibt jedoch noch einige weitere:

  • Alter: Mit zunehmendem Alter sinkt die Fähigkeit der Haut, Vitamin D zu bilden.
  • Dunkle Hautfarbe: Durch die dunkle Hautfarbe wird weniger Vitamin D gebildet. Dafür sind dunkelhäutige Menschen aber besser vor Sonnenbrand geschützt.
  • Übergewicht: Vitamin D verteilt sich als fettlösliches Vitamin im Fettgewebe. Daher erhöht sich bei steigendem Gewicht der Bedarf.

Menschen mit diesen Risikofaktoren haben laut der aktuellen Forschung auch ein erhöhtes Risiko für eine schwere Infektion mit dem Coronavirus. Die diskutierten Gründe betreffen zwar momentan nicht Vitamin D, jedoch könnte sich ein Ausgleich des Mangels bei diesen Personen besonders lohnen. Und nicht zuletzt ist auch das ein Zusammenhang, der weiter untersucht werden muss.

Der ideale Vitamin-D-Spiegel in Zeiten der Corona-Pandemie

Erst kürzlich wurde wieder gezeigt, dass einige Personen möglicherweise mehr von einer Vitamin-D-Ergänzung profitieren als andere. Der Grund könnten genetische Unterschiede sein. Obwohl es immer noch umstritten ist, welcher Vitamin-D-Spiegel optimal ist, sollte die Zufuhr so erhöht werden, dass man Blutwerte von mindestens 30 Nanogramm pro Milliliter erreicht. Für den größten allgemeinen gesundheitlichen Nutzen sollten die Werte sogar zwischen 40 und 60 Nanogramm pro Milliliter liegen.

Auch für den Schutz vor einem schweren COVID-19-Verlauf könnten ähnliche Vitamin-D-Werte sinnvoll sein. Die ersten Daten lassen eine vage Vermutung zu: Maghbooli  et al. ermittelten im September 2020 zum Beispiel, dass ein Vitamin-D-Wert über 30 Nanogramm pro Milliliter mit einer geringeren Todesrate als Folge von COVID-19 einherging.

 

Sollte man zum Schutz vor dem Coronavirus Vitamin D einnehmen?

Ob Vitamin D tatsächlich Einfluss auf die COVID-19-Symptome hat oder sogar vor einer Infektion schützt, kann nur durch hochwertige Studien herausgefunden werden – und zwar durch sogenannte Interventionsstudien, bei denen Patienten Vitamin D einnehmen. In einer Datenbank mit laufenden Studien sind aktuell zahlreiche gelistet.

Eine Vorstudie aus Spanien ist bereits abgeschlossen. Castillo et al. kamen zu dem Ergebnis, dass hoch dosiertes Vitamin D den COVID-19-Verlauf bei Patienten im Krankenhaus verbessern könnte. Die Forscher gaben Vitamin D als Calcidiol zusätzlich zu anderen Medikamenten und verglichen es mit einem Scheinmedikament. Calcidiol ist die Form, die auch im Blut zirkuliert. Freiverkäufliche Mikronährstoffpräparate enthalten Cholecalciferol, das im Körper zu Calcidiol umgewandelt wird.

Auch wenn noch sehr viele Fragen offen sind und weitere Ergebnisse abgewartet werden müssen, ist es unumstritten, dass ein Vitamin-D-Mangel unsere Abwehrkräfte beeinträchtigt. Um einen Mangel zu erkennen, müssen die Blutwerte bestimmt werden. Nur so lässt sich die ideale Vitamin-D-Dosierung ableiten.

Kennt man seinen Vitamin-D-Wert nicht, können allerdings als grobe Faustregel im Winter problemlos 2.000 Internationale Einheiten Vitamin D täglich ergänzt werden.

Ein starkes Immunsystem ist momentan die beste Waffe gegen das Coronavirus

Bei allen Diskussionen über Hygienemaßnahmen wird immer wieder vergessen, dass wir uns vor diesem Virus auf diesem Planeten nicht verstecken können. Die ersten Mutationen sind bereits analysiert. Wir haben nur eine einzige biologische Chance, diese Pandemie zu überstehen, und die besteht in unserem hochentwickelten Immunsystem.

Während die ganze Welt auf einen wirksamen Impfstoff wartet, scheint die Ernährung momentan eine wichtige und sichere Rolle bei der Abschwächung des Verlaufs und des Sterberisikos zu spielen. Einige Forscher halten die Ergänzung von Vitaminen, darunter auch Vitamin D, für eine möglicherweise sinnvolle Therapiebegleitung bei COVID-19. Erste Vorstudien zur Einnahme liegen bereits vor. Weitere für das Immunsystem wichtige Mikronährstoffe sind die Vitamine A, E, B1, B6, B12, C, Eisen, Zink und Selen sowie Omega-3-Fettsäuren.

In Ländern wie Finnland ist eine Anreicherung bestimmter Lebensmittel mit Vitamin D bereits Standard. Warum nicht auch bei uns? Und warum wird verschwiegen, dass wir durchaus in der Lage wären, die Immunlage der Bevölkerung in breiter Masse zu verbessern? Und zwar, indem wir auf die ausreichende Zufuhr von Mikronährstoffen achten. Das ist jetzt im Herbst und Winter vor allem Vitamin D!

Verzeichnis der Studien und Quellen

Allegra, A. et al. (2020): Vitamin deficiency as risk factor for SARS-CoV-2 infection: correlation with susceptibility and prognosis. Eur Rev Med Pharmacol Sci. 2020 Sep;24(18):9721-9738. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33015818/, abgerufen am: 22.10.2020.

Baktash, V. et al. (2020): Vitamin D status and outcomes for hospitalised older patients with COVID-19. Postgrad Med J. 2020 Aug 27;postgradmedj-2020-138712. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32855214/, abgerufen am: 22.10.2020.

BourBour, F. et al. (2020): Nutrients in prevention, treatment, and management of viral infections; special focus on Coronavirus. Arch Physiol Biochem. 2020 Jul 9;1-10. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32644876/, abgerufen am: 22.10.2020.

Castillo, M. et al. (2020): Effect of calcifediol treatment and best available therapy versus best available therapy on intensive care unit admission and mortality among patients hospitalized for COVID-19: A pilot randomized clinical study. J Steroid Biochem Mol Biol. 2020 Oct; 203: 105751. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC7456194/, abgerufen am: 22.10.2020

Charoenngam, N. & Holick, M. F. (2020): Immunologic Effects of Vitamin D on Human Health and Disease. Nutrients. 2020 Jul; 12(7): 2097. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC7400911/, abgerufen am: 22.10.2020. 

Daneshkhah, A. et al. (2020): The Possible Role of Vitamin D in Suppressing Cytokine Storm and Associated Mortality in COVID-19 Patients. Europe PMC. https://europepmc.org/article/ppr/ppr149846, abgerufen am: 27.10.2020.  

DeLuccia, R. et al. (2020): The implications of vitamin D deficiency on COVID-19 for at-risk populations. Nutr Rev. 2020 Sep 25:nuaa092. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC7543577/, abgerufen am: 22.10.2020.

Kaufman, H. W. et al. (2020): SARS-CoV-2 positivity rates associated with circulating 25-hydroxyvitamin D levels. PLoS One. 2020 Sep 17;15(9):e0239252. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32941512/, abgerufen am: 22.10.2020.

Maghbooli, Z. et al. (2020): Vitamin D sufficiency, a serum 25-hydroxyvitamin D at least 30 ng/mL reduced risk for adverse clinical outcomes in patients with COVID-19 infection. PLoS One. 2020 Sep 25;15(9):e0239799. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC7518605/, abgerufen am: 22.10.2020.

Merzon, E. et al. (2020): Low plasma 25(OH) vitamin D level is associated with increased risk of COVID‐19 infection: an Israeli population‐based study. FEBS J. 2020 Jul 23: 10.1111/febs.15495. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC7404739/, abgerufen am: 22.10.2020.

Munshi, R. et al. (2020): Vitamin D insufficiency as a potential culprit in critical COVID-19 patients. J Med Virol. 2020 Jul 27. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32716073/, abgerufen am: 22.10.2020.

Radujkovic, A. et al. (2020): Vitamin D Deficiency and Outcome of COVID-19 Patients. Nutrients 2020, 12(9), 2757. https://www.mdpi.com/2072-6643/12/9/2757, abgerufen am: 22.10.2020.

Tan, C. W. et al. (2020): Cohort study to evaluate effect of vitamin D, magnesium, and vitamin B 12 in combination on severe outcome progression in older patients with coronavirus (COVID-19). Nutrition. 2020 Sep 8;79-80:111017. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33039952/, abgerufen am: 22.10.2020.

Taylor, C. W. (2020): Combating COVID-19 and Building Immune Resilience: A Potential Role for Magnesium Nutrition? J Am Coll Nutr. 2020 Jul 10;1-9. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32649272/, abgerufen am: 22.10.2020.

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Über den Autor

Dr. med. Rainer Spichalsky

Dr. med. Rainer Spichalsky ist Facharzt für Allgemeinmedizin. Neben der schulmedizinischen Ausbildung erwarb er weitere Fachqualifikationen als Arzt für Applied  Kinesiology,  F.X. Mayer Arzt und manuelle Therapie. Zudem ist Herr Dr. med Spichalsky zertifizierter Anti-Aging Arzt gemäß GSAAM und Orthomolekular Therapeut. Neben seiner Tätigkeit als Geschäftsführer einer ärztlichen Partnerschaftsgesellschaft ist der diplomierte Gesundheitsheitsökonom unter anderem auch Dozent für orthomolekulare Therapie.

Porträtfofo Wissenschaftlicher Beirat Dr. med. Rainer Spichalsky