Jod zum Schutz vor radioaktiver Strahlung

Sollte man vorbeugend für einen Atomunfall Jodtabletten kaufen?

Zeichen für Radioaktivität an einer Wand
Derzeit haben viele Angst vor radioaktiver Strahlung. Bild: iStock.com/kunertus

Aktuelle Angst vor radioaktiver Strahlung

Die Angst vor einem Atomunglück hatten wir lange Zeit schon fast vergessen. Aufgrund der politischen Lage sorgen sich derzeit jedoch viele wegen einer möglichen hohen Strahlenbelastung. Auch der Atomausstieg wird infrage gestellt. So könnte bei einem Unfall in einem Atomkraftwerk in Deutschland radioaktive Strahlung in die Umwelt gelangen und eine gesundheitliche Bedrohung sein.

Hoch dosiertes Jod ist eine Möglichkeit, sich im Ernstfall vor radioaktiver Strahlung zu schützen. In den Apotheken gibt es daher aktuell eine hohe Nachfrage nach Jodtabletten. Doch sollte man jetzt Jodtabletten kaufen oder würde man damit nur unnötige Hamsterkäufe machen?

Schützt Jod bei einem Atomunfall?

Bei einem Atomunfall – etwa durch eine massive Beschädigung eines Reaktors – entweicht als einer der ersten Stoffe radioaktives Jod (Jod-131). Da der Körper Jod braucht, kann daraus eine Gefahr werden: Als Mineralstoff wird es von der Schilddrüse gespeichert und in die Hormone eingebaut. Bei einem atomaren Zwischenfall würde stattdessen radioaktives Jod abgelagert werden. Das wäre problematisch, denn der Körper wird dann praktisch von innen radioaktiv bestrahlt.

Mit hoch dosiertem Jod kann dies verhindert werden: Die Speicher sind dadurch bereits gesättigt,sodass die Schilddrüse kein weiteres (radioaktives) Jod mehr aufnimmt – das ist vergleichbar mit einem vollbesetzten Zug, in dem es keinen Platz für weitere Passagiere gibt. Man nennt dies Jodblockade.

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Neben radioaktivem Jod gibt es weitere radioaktive Stoffe, die bei einem Atomunfall in die Umwelt gelangen (Strontium-90, Cäsium-137). Diese lagern sich nicht in der Schilddrüse ab, sondern im Knochengewebe. Der Körper verwechselt sie mit Calcium und baut sie in die Knochen ein. Dadurch steigt das Risiko für Knochentumore und Leukämie (Blutkrebs).

Hoch dosiertes Jod schützt demnach nur die Schilddrüse vor radioaktivem Jod, nicht aber andere Organe vor weiteren radioaktiven Stoffen.

Jodblockade: Zeitpunkt und richtiges Präparat sind wichtig!

Voraussetzung für die volle Wirksamkeit der Jodtabletten ist, dass sie zum richtigen Zeitpunkt eingenommen werden – also kurz vor dem Eintreffen der radioaktiven Luft. Werden sie zu früh genommen, ist das Jod wieder ausgeschieden, bevor es überhaupt gebraucht wird.

Darüber hinaus gibt es zwei Arten von Jodpräparaten:

  • Hoch dosierte Tabletten, die als Notfallmaßnahme bei einem Atomunfall verteilt werden.
  • Niedrig dosierte Präparate, die nur bei einem Jodmangel und einer Schilddrüsenunterfunktion geeignet sind. Sie enthalten meist 100 bis 200 Mikrogramm Jod.

Damit Jod vor radioaktiver Strahlung schützt, muss einmalig 130.000 Mikrogramm Kaliumjodid (100.000 Mikrogramm Jod) eingenommen werden. Dies ist 500-mal mehr als der Tagesbedarf von 200 Mikrogramm! Herkömmliche Jodtabletten sind somit viel zu niedrig dosiert. Man müsste theoretisch Hunderte Tabletten auf einmal schlucken, und das kann der Körper nicht verarbeiten.

Katastrophenschutzbehörden haben alle wichtigen Informationen und entscheiden, ob, wann und in welchen Regionen Jodtabletten eingenommen werden sollen. In Deutschland sind ausreichend Tabletten vorhanden, die dann verteilt werden könnten (189,5 Millionen Tabletten).

Hoch dosiertes Jod kann für die Schilddrüse auch gefährlich sein

Im Falle einer Strahlenbelastung schützt hoch dosiertes Jod die Schilddrüse. Es sollte jedoch unter keinen Umständen grundlos oder lange Zeit vorbeugend eingenommen werden.

Wird Jod überdosiert, kann es bei einigen Personen zu einer Schilddrüsenüberfunktion kommen mit einer lebensbedrohlichen Entgleisung des Stoffwechsels. Erste Anzeichen sind ein erhöhter Puls, Schweißausbrüche, Schlaflosigkeit und eine Gewichtsabnahme. Eine Überfunktion der Schilddrüse ist ein Risiko, das man im Falle eines viel schlimmeren Atomunfalls in Kauf nimmt. Ohne Grund sollte man dies jedoch keinesfalls eingehen.

Wie radioaktive Strahlung dem Körper schadet

Radioaktive Stoffe gelangen über verunreinigte (kontaminierte) Lebensmittel in den Körper. Daneben wird belasteter Staub eingeatmet. Erst beim Zerfall der radioaktiven Stoffe im Körper entsteht Strahlung. Auch Strahlung, die von außen auf die Haut trifft, ist ein Problem. Diese kann allerdings beendet werden, indem man die radioaktiven Stoffe entfernt – zum Beispiel durch Waschen der Haut umgehend nach einer Kontamination.

Radioaktive Strahlung schädigt  Körperzellen. Die Folgen hängen davon ab, wie hoch die Strahlendosis war. Gewisse Schäden kann der Körper reparieren. Ist er jedoch für kurze Zeit einer massiven Strahlendosis ausgesetzt, führt dies innerhalb weniger Stunden oder Tage zum Tod.

Bei einer geringeren Strahlendosis kann es langfristig zu Krebserkrankungen kommen. Dazu gehören Schilddrüsenkrebs und Leukämie. Bei Kindern aus der Region Tschernobyl trat Schilddrüsenkrebs 30-mal häufiger auf als vor dem Unglück im Jahr 1986. Vor allem Kinder sind anfällig dafür. Erwachsene ab 45 Jahren erkranken selten. Daher führt man bei ihnen keine Jodblockade durch.

Darüber hinaus kann das Erbgut geschädigt werden, sodass sich bei ungeborenen Kindern Missbildungen entwickeln. WeitereSpätfolgen sind Augenlinsentrübungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie psychische Erkrankungen aufgrund der großen seelischen Belastung.

Info

Forscher untersuchten nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl, ob die Strahlenbelastung gesundheitliche Auswirkungen für Menschen aus weniger betroffenen Gebieten Europas hatte. Außerhalb der damaligen ukrainischen Sowjetunion (heute: Ukraine) war die Strahlung so gering, dass Strahlenschäden ausgeschlossen sind. Auch ein Anstieg an Schilddrüsenkrebs und Missbildungen wurde in Deutschland nicht beobachtet.

Fazit: Ruhe bewahren und nicht übermäßig Jod kaufen

Jod ist ein Mikronährstoff, der im Ernstfall Strahlenschäden eindämmen kann. In hoher Dosierung schützt er die Schilddrüse vor radioaktivem Jod. Dabei gilt:

  • Jodtabletten sollte man nicht ohne Grund vorbeugend einnehmen.
  • Bund und Länder halten 189,5 Millionen hoch dosierte Tabletten bereit.
  • Im Ernstfall werden diese verteilt.
  • Herkömmliche Jodtabletten sind nicht geeignet.
  • Das erhöhte Risiko für Schilddrüsenkrebs betrifft vor allem Kinder und Jugendliche.
  • Menschen über 45 Jahren profitieren nicht von einer Jodblockade.

In Deutschland gibt es keinen Grund, sich wegen der politischen Ereignisse Jodtabletten zu besorgen. Darin sind sich Experten einig. Im Falle eines Reaktorunglücks ist eine Einnahme nur für Menschen sinnvoll, die sich im Umkreis von rund 100 Kilometern zu einem Atomkraftwerk aufhalten. Denn die Wahrscheinlichkeit für eine gesundheitliche Bedrohung sinkt mit zunehmender Entfernung: Radioaktives Jod hat eine Halbwertszeit von nur wenigen Tagen. Zudem wird es durch Luftbewegungen verdünnt. Die Wahrscheinlichkeit, dass schädliche Mengen mit dem Wind aus der Ukraine nach Deutschland gelangen, ist sehr gering. Eine grundlose Megadosis Jod könnte somit mehr schaden als nützen. Es gilt daher, Ruhe zu bewahren.

Tipp

Informieren kann man sich über eine aktuelle Beurteilung der Situation beim Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit auf der Internetseite „jodblockade.de“ sowie beim Bundesamt für Strahlenschutz zum Thema „Lage in der Ukraine“.

Verzeichnis der Studien und Quellen

Al-Achi, A. & Patel, B. (2015): Formulation and optimization of potassium iodide tablets. Saudi Pharm J. 2015 Jan;23(1):95-101. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4310992/, abgerufen am: 22.03.2022.

Brenner, A. V. et al. (2011): I-131 dose response for incident thyroid cancers in Ukraine related to the Chornobyl accident. Environ Health Perspect. 2011 Jul;119(7):933-9. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3222994/, abgerufen am: 22.03.2022.

Bundesamt für Strahlenschutz (2022): Lage in der Ukraine: Bewertung vom 22.3.22. https://www.bfs.de/SharedDocs/Kurzmeldungen/BfS/DE/2022/0225-ukraine.html;jsessionid=BC5C4CC03164DEB764B358A5E77FDFC1.2_cid349, abgerufen am: 22.03.2022. 

Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (2022): Aktueller Hinweis zur Einnahme von Jodtabletten in Zusammenhang mit den Ereignissen in der Ukraine. https://www.jodblockade.de/, abgerufen am: 22.03.2022.

Bundesinstitut für Risikobewertung (2004): Gesundheitliche Risiken durch zu hohen Jodgehalt in getrockneten Algen. https://mobil.bfr.bund.de/cm/343/gesundheitliche_risiken_durch_zu_hohen_jodgehalt_in_getrockneten_algen.pdf, abgerufen am: 22.03.2022.

Deutsche Welle (2022): Die Wirkung von Jodtabletten bei radioaktiver Strahlung. https://www.dw.com/de/die-wirkung-von-jodtabletten-bei-radioaktiver-strahlung/a-61012194, abgerufen am: 22.03.2022.

Sase, E. et al. (2021): Lessons from Fukushima: Potassium Iodide After a Nuclear Disaster. Am J Nurs. 2021 Feb 1;121(2):63-67. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33497131/, abgerufen am: 22.03.2022.

Tsuda, T. et al. (2016): Thyroid Cancer Detection by Ultrasound Among Residents Ages 18 Years and Younger in Fukushima, Japan: 2011 to 2014. Epidemiology. 2016 May; 27(3): 316–322. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4820668/, abgerufen am: 22.03.2022.

Weiland, N. et al. (2016): Gesundheitliche Folgen des Unfalls von Tschernobyl – 30 Jahre danach. Bundesgesundheitsbl 2016. 59:1171–1177. https://www.springermedizin.de/gesundheitliche-folgen-des-unfalls-von-tschernobyl-30-jahre-dana/10550506, abgerufen am: 22.03.2022.

Über den Autor

Dr. med. Rainer Spichalsky

Dr. med. Rainer Spichalsky ist Facharzt für Allgemeinmedizin. Neben der schulmedizinischen Ausbildung erwarb er weitere Fachqualifikationen als Arzt für Applied  Kinesiology,  F.X. Mayer Arzt und manuelle Therapie. Zudem ist Herr Dr. med Spichalsky zertifizierter Anti-Aging Arzt gemäß GSAAM und Orthomolekular Therapeut. Neben seiner Tätigkeit als Geschäftsführer einer ärztlichen Partnerschaftsgesellschaft ist der diplomierte Gesundheitsheitsökonom unter anderem auch Dozent für orthomolekulare Therapie.

Porträtfofo Wissenschaftlicher Beirat Dr. med. Rainer Spichalsky