Kann Spermidin die Impfantwort bei älteren Menschen verbessern?

In einer Pilotstudie zeigte die Einnahme von Spermidin einen Zusammenhang mit einer verbesserten Immunantwort auf eine COVID-19-Impfung

Bei älteren Menschen ist die Immunantwort auf eine Impfung häufig eingeschränkt. Hier könnte laut einer Pilotstudie eine Spermidin-Einnahme hilfreich sein. Bild: monkeybusinessimages/iStock/Getty Images Plus

Auch unser Immunsystem altert. Daher zeigen ältere Menschen auf Impfungen häufig eine eingeschränkte Immunantwort, die im schlimmsten Fall sogar ganz ausbleiben kann. In einer Pilotstudie konnte die Einnahme der natürlichen Verbindung Spermidin der Immunseneszenz entgegenwirken und die Impfantworten bei sogenannten Non-Respondern steigern.

Was hat die Studie untersucht?

Die Forschenden wollten untersuchen, wie sich Spermidin auf den Antikörperspiegel nach einer Impfung auswirkt und wie sicher die tägliche Einnahme ist.

Dazu erhielten 38 gesunde Erwachsene britischer Herkunft im Alter über 65 Jahren nach ihrer dritten SARS-CoV-2-Impfung über 13 Wochen lang täglich 6 Milligramm Spermidin oder Placebo. Das Durchschnittsalter der Teilnehmenden betrug 72,5 Jahre (Spannweite: 65 bis 81 Jahre). Beim Placebo handelte es sich um Reismehl; das Spermidin wurde als Spermidin-reicher Weizenkeimextrakt gegeben. Während die Placebogruppe neun Frauen und neun Männer umfasste, schloss die Spermidingruppe 13 Frauen und 7 Männer ein.

In welcher Form gibt es Spermidin?

In Mikronährstoffpräparaten darf Spermidin zurzeit nur als Weizenkeimextrakt verwendet werden, nicht als isoliertes reines Spermidin oder als künstlich hergestelltes. Die genaue Bezeichnung lautet: „Weizenkeimextrakt mit hohem Spermidingehalt“

Die Einnahme startete etwa vier Wochen nach der dritten Auffrischungsimpfung.

Eine Blutentnahme erfolgte

  • vor Beginn der Spermidin- beziehungsweise Placebo-Einnahme (Woche 0),
  • nach zwei Wochen,
  • nach 13 Wochen,
  • nach einer 24-wöchigen Auswaschphase ohne Gabe von Spermidin oder Placebo = nach 37 Wochen.

Dabei wurden verschiedene Parameter gemessen, unter anderen

  • Immunglobulin G (IgG)-Antikörper gegen das humane SARS-CoV-2-Spike-Protein 
  • Menge der T-Zellen
  • Menge der Gedächtnis-B-Zellen
  • Prozentualer Anteil neutralisierender Antikörper (ACE2-Inhibitionstest)
  • Autophagie-Aktivität bestimmter Immunzellen (in einkernigen Blutzellen mit einem runden Zellkern (PBMC))
  • Menge der Polyamine (im Blutserum und in PBMCs)

Ist Spermidin sicher und fördert es die Immunantwort?

Bei allen Teilnehmenden der Spermidin-Gruppe zeigten sich keine unerwünschten Ereignisse oder Nebenwirkungen durch die Einnahme; sie wurde von den Forschenden daher als sicher betrachtet. Zudem konnte die Spermidin-Gabe die Immunantwort verbessern – aber nicht bei allen Teilnehmenden.

Im Vergleich zum Ausgangswert erhöhte Spermidin nach zwei Wochen die neutralisierende Antikörperaktivität gegen das Spike-Protein der meisten untersuchten Virusvarianten. Nach 2, 13 und 37 Wochen war die Anti-Spike-IgG-Konzentration durch die Spermidin-Behandlung erhöht – der Effekt war statistisch jedoch nicht signifikant.

Bereits vor Beginn der Spermidin- beziehungsweise Placebo-Einnahme (Zeitpunkt 0) Einnahme hatte ein Viertel der Teilnehmenden (25 Prozent) keine oder nur eine sehr geringe Antikörperantwort auf die Impfung gezeigt. Das heißt, ihre IgG-Werte waren nicht nachweisbar oder sehr niedrig – und das trotz dreimaliger Impfung mittels eines zugelassenen SARS-CoV-2-Impfstoffs. Sie galten in der Studie als sogenannte Non-Responder.

Dabei verteilten sich die Menschen ohne Impfantwort folgendermaßen:

  • In der Spermidin-Gruppe waren 8 von 20 Teilnehmenden (40 Prozent) Non-Responder,
  • in der Placebo-Gruppe waren es nur zwei Personen (11 Prozent).

Diese ungleiche Verteilung erschwerte den Vergleich zwischen den beiden Gruppen.

Die Auswertung zeigte, dass sich die IgG-Spiegel

  • bei den Respondern, also mit Immunantwort vor der Supplementierung, durch die Spermidin-Einnahme nicht veränderte.
  • bei den Non-Respondern deutlich anstieg: Von im Durchschnitt deutlich unter 1.000 auf im Durchschnitt etwa 28.000 (mit deutlichen Abweichungen). Auch die Hemmwirkung gegen fünf der getesteten SARS-CoV-2-Stämme stieg deutlich an.

Analog waren die Mengen der IgG-produzierenden Gedächtnis-B-Zellen bei den Non-Respondern zum Zeitpunkt 0 niedrig – und nur bei ihnen stiegen sie durch die Spermidin-Einnahme stark an. Im Gegensatz dazu blieb die T-Zell-Antwort gegen SARS-CoV-2 durch Spermidin unverändert – sowohl bei Respondern als auch bei Non-Respondern.

Durch die Spermidin-Gabe kam es sowohl bei Respondern als auch bei Non-Respondern zu einer verstärkten Autophagie in den B-Zellen, nicht jedoch in T-Zellen.

Was ist der Mechanismus dahinter?

Im Normalfall regen Impfungen das Immunsystem an. Es bildet dadurch spezifische Immunglobulin-G-Antikörper (IgG-Antikörper) sowie langlebige Gedächtnis-B-Zellen. Die Antikörper sind Eiweiße, die im Blut zirkulieren und einen ersten Schutz gegen Infektionen bieten. Die B-Zellen dienen als Gedächtnis: Kommt der Körper später erneut mit dem Erreger in Kontakt, erkennen sie ihn wieder und fördern die Bildung neuer Antikörper.
Bei einem gealterten Immunsystem ist die Immunantwort auf Impfungen deutlich schwächer oder bleibt ganz aus.

Zur Immunantwort trägt auch die sogenannte Autophagie bei, ein zelleigener Recyclingprozess. Sie wird unter anderem durch Fasten angeregt. Dabei bauen Zellen beschädigte Bestandteile, fehlerhafte Eiweiße und teilweise auch eingedrungene Krankheitserreger ab. So bleiben die Zellen funktionsfähig und können ihre Abwehrfunktion besser erfüllen.

In diese beiden Prozesse der Immunabwehr kann Spermidin eingreifen, wie diese Pilotstudie gezeigt hat. Es kann

  • zum einen die Autophagie verstärken,
  • zum anderen bei Menschen mit fehlender, beziehungsweise geringer Immunantwort auf Impfungen die Produktion sogenannter Gedächtnis-B-Zellen und spezifischer IgG-Antikörper sowie die Hemmwirkung gegenüber Viren erhöhen. 

Info

Was ist eigentlich Spermidin?

Spermidin ist eine natürliche Verbindung, die im Stoffwechsel als Zwischenprodukt auftritt – bei Pflanzen, Tieren und auch beim Menschen. Es dient als Vorstufe von Spermin, das im menschlichen Sperma vorkommt – daher der Name.

Chemisch gesehen handelt es sich bei Spermidin um ein Polyamin, also eine organische Verbindung mit mehreren Aminogruppen (–NH₂). Spermidin kommt natürlicherweise in verschiedenen Lebensmitteln vor, insbesondere in Weizenkeimen, Sojaprodukten, gereiftem Käse oder in Pilzen.

Spermidin kann unter anderem die Autophagie anregen.

Daneben sind natürlich viele weitere Faktoren für eine gut funktionierende Immunabwehr von Bedeutung, wie beispielsweise die ausreichende Versorgung mit Vitaminen und Mineralstoffen.

Was ist das Fazit?

Die Ergebnisse dieser Pilotstudie deuten darauf hin, dass eine Spermidin-Einnahme nach einer Impfung die Reaktion auf diese Impfung verbessern könnte – zumindest bei einer COVID-19-Impfung. Dies gilt insbesondere für ältere Menschen mit einer schwachen Antikörperantwort.
Aufgrund der geringen Teilnehmerzahl und der ungleichen Verteilung sogenannter Non-Responder sind jedoch größere Studien erforderlich, um die Befunde zu bestätigen und den möglichen Nutzen für die Praxis zu bewerten.

Für Eilige kurz zusammengefasst

  • Spermidin konnte in einer Pilotstudie die Impfantwort bei älteren Menschen teilweise verbessern.
  • Besonders Personen mit einer schwachen oder fehlenden Antikörperantwort profitierten von der Einnahme nach der Impfung.
  • Die Verbindung förderte die Autophagie in B-Zellen und erhöhte die Bildung von Antikörpern und Gedächtnis-B-Zellen.
  • Größere Studien müssen die Ergebnisse noch bestätigen.

Verzeichnis der Studien und Quellen

Alsaleh, G. et al. Spermidine Mitigates Immune Cell Senescence and Boosts Vaccine Responses in Healthy Older Adults—A Pilot Study. Aging Cell. 2026 Jun; 25 (6): e70545. https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/acel.70545

Ärzte Zeitung (24.09.2026): Einnahme von Spermidin wohl mit verbesserter Impfantwort verbunden. www.aerztezeitung.de/Medizin/Einnahme-von-Spermidin-wohl-mit-verbesserter-Impfantwort-verbunden-463558.html, zuletzt abgerufen am 28.09.2026.

DocCheck Flexikon (07.05.2025): Spermidin. flexikon.doccheck.com/de/Spermidin, zuletzt abgerufen am 28.09.2026.

DocCheck Flexikon (07.07.2025): Autophagie. flexikon.doccheck.com/de/Autophagie, zuletzt abgerufen am 28.09.2026.

Europäische Kommission (25.03.2020): Durchführungsverordnung (EU) 2020/443 der Kommission vom 25. März 2020 zur Genehmigung der Änderung der Spezifikationen des neuartigen Lebensmittels Weizenkeimextrakt (Triticum aestivum) mit hohem Spermidingehalt gemäß der Verordnung (EU) 2015/2283 des Europäischen Parlaments und des Rates sowie zur Änderung der Durchführungsverordnung (EU) 2017/2470. eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/PDF/, zuletzt abgerufen am 28.09.2026.

NetDoktor (28.08.2023): Spermidin: Wirkung und Nebenwirkung. www.netdoktor.de/medikamente/spermidin/, zuletzt abgerufen am 28.09.2026. 

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