Senföle bei Harnwegsinfekten

Pflanzenstoffe aus Kapuzinerkresse und Meerrettich können bei Blasenentzündungen helfen

Blüte einer Kapuzinerkresse
Kapuzinerkresse liefert Senföle, welche die Behandlung von Harnwegsinfekten unterstützen. Bild: iStock.com/lynnebeclu

Senföle als pflanzliches Antibiotikum

Senföle (Isothiocyanate) sind schon lange als natürliches Antibiotikum bei Harnwegsinfekten bekannt. Bei einem Harnwegsinfekt steigen Bakterien in der Harnröhre auf und verursachen eine Entzündung. Diese kann in die Blase und im schlimmsten Fall zu den Nieren wandern (Nierenbeckenentzündung). Häufig handelt es sich um Darmbakterien wie Escherichia coli (E. coli). Sie gelangen durch Schmierinfektion zur Harnröhrenöffnung. Vor allem wiederkehrende Harnwegsinfekte können sehr belastend sein. Viele Ärzte verschreiben deshalb Antibiotika, teilweise auch schon zur Vorbeugung. Allerdings können Antibiotikaresistenzen entstehen.

Insbesondere zum Schutz vor wiederkehrenden Infektionen sind Senföle vielversprechend. Aber auch für die Behandlung von akuten Infekten sind sie interessant. Senföle sind zum Beispiel im Kraut von Kapuzinerkresse und in der Meerrettichwurzel enthalten. Präparate mit einem daraus hergestellten Pulver oder Extrakt können daher eine ergänzende Behandlungsmöglichkeit sein.

Tipp

Darüber hinaus sind antibakteriell wirkende Senföle bei einer Entzündung der Nasennebenhöhlen vielversprechend. Diese tritt oft als Begleiterkrankung einer Erkältung auf: Der produzierte Schleim in der Nase ist ein idealer Nährboden für Krankheitserreger wie Bakterien.

Senföle bei Harnwegsinfekten: laut Studienanalyse wirksam

Für eine neue Übersichtsarbeit in der Fachzeitschrift „Der Urologe“ trugen die Autoren Vahlensieck und Scheffer die bisherigen Studienergebnisse zusammen. Dazu analysierten sie mehr als 30 Studien, die zwischen 2000 und 2019 veröffentlicht worden waren. Im Fokus standen die antibakteriellen Wirkungen der Senföle aus Kapuzinerkresse und Meerrettich bei Harnwegsinfekten.

Laut den Wissenschaftlern haben Senföle ein breites Wirkspektrum gegen zahlreiche Bakterien. Sowohl die Wirksamkeit als auch die Verträglichkeit der Therapie ist in Studien an Menschen belegt. Die Wissenschaftler halten Senföle daher für eine gute Behandlungsmöglichkeit von Harnwegsinfektionen, wodurch außerdem Antibiotika eingespart werden.

Pflanzliche Mittel: Bestandteil der Therapieleitlinie

Auch in der aktuellen S3-Leitlinie zu unkomplizierten Harnwegsinfektionen werden das Kraut von Kapuzinerkresse und Meerrettichwurzel als Behandlungsmöglichkeit bei häufig wiederkehrenden Harnwegsinfekten erwähnt (Empfehlungsgrad „kann“). Präparate sollten dann maximal einen Monat lang eingenommen werden.

Dr. med. Winfried Vahlensieck, Facharzt für Urologie und Autor der neuen Übersichtsarbeit, setzt sich nun dafür ein, dass Kapuzinerkresse und Meerrettich bei der Überarbeitung dieser S3-Leitlinie auch für akute Harnwegsinfektionen berücksichtigt werden.

Info

Medizinische Leitlinien geben Empfehlungen, wie eine Krankheit festgestellt und behandelt werden sollte. Ziel ist es, Patienten angemessen zu versorgen. Leitlinien richten sich vor allem an Ärzte. Die Bezeichnung S3 bedeutet, dass die Leitlinie alle Anforderungen guter Forschung erfüllt. Sie hat demnach die beste Qualität im Vergleich zu S1- oder S2-Leitlinien und ist der „Goldstandard“.

Wirkungen von Senfölen bei Harnwegsinfektionen

Senföle greifen im Gegensatz zu anderen Substanzen an mehreren Punkten im Krankheitsgeschehen an (Multi-Target-Prinzip). Möglicherweise ergänzen sich unterschiedliche Senföle aus Kapuzinerkresse und Meerrettich außerdem in ihrer Wirkung. Sie haben verschiedene antibakterielle Effekte:

  • Laut Laborversuchen hemmen Senföle die Bildung eines Biofilms. Ein Biofilm ist eine Schleimschicht, welche die Bakterien bilden, um sich darin einzunisten. So sind sie vor Angriffen des Immunsystems und vor Antibiotika geschützt.
  • Die Bakterien können sich wahrscheinlich schlechter im Biofilm vermehren: Senföle hemmen in Laborstudien die Stoffwechselaktivität der Bakterien.
  • Senföle reduzieren in Laboruntersuchungen das Anheften der Bakterien an die Blasenwand. Dadurch können sie schlechter in die Zellen eindringen und eine Infektion hervorrufen.

Darüber hinaus wirken Senföle entzündungshemmend und könnten so bei entzündungsbedingten Beschwerden helfen. Dazu gehören Brennen oder Schmerzen beim Wasserlassen.

Vermutlich hängt die Wirkung von den Bakterien ab, die hinter der Erkrankung stecken. Einige Bakterien könnten resistenter gegen Senföle sein als andere. Diese hemmten im Labor beispielsweise E. coli-Bakterien stärker als Enterokokken und Streptokokken. Alle drei Bakterienarten beziehungsweise -gruppen können Harnwegsinfektionen verursachen. Erste Untersuchungen zeigen außerdem, dass sogar resistente Bakterien empfindlich gegenüber Senfölen waren.

Großes Problem: Resistenzen gegen Antibiotika

Resistenzen von Bakterien gegenüber Antibiotika sind eine besorgniserregende Entwicklung. Antibiotika wirken schlechter gegen Bakterien, da sich die Bakterien anpassen, um zu überleben. Die Bildung eines Biofilms ist einer dieser Schutzmechanismen. Resistenzen stellen die Medizin auf längere Sicht vor eine große Herausforderung. Vor allem in der Urologie ist dies ein Thema.

Ärzte sollten daher nicht gleich Antibiotika verschreiben. Beispielsweise können bei leichten und unkomplizierten Infektionen erst andere Maßnahmen wie Senföle probiert werden. So kann man sich die wichtige Wirkung der Antibiotika für bedrohliche Erkrankungen oder schwere Krankheitsverläufe bewahren.

Resistenzentwicklungen wurden bisher für Senföle auch nach einer Langzeittherapie nicht beobachtet. Da Senföle mehrere Wirkmechanismen haben, ist dies wahrscheinlich deutlich erschwert.

Harnwegsinfekte: Behandlung in der Mikronährstoffmedizin

Senföle aus Kapuzinerkresse und Meerrettich sind eine gute Möglichkeit zur Vorbeugung und Behandlung von unkomplizierten Harnwegsinfekten. Die Wirksamkeit wurde in mehreren Studien gezeigt. Zudem sind sie gut verträglich.

In der Praxis werden meist 1.000 bis 6.000 Milligramm Kapuzinerkressenkraut sowie 500 bis 2.000 Milligramm Meerrettichwurzel täglich eingesetzt. Diese sind zu Pulver vermahlen und als Kapseln oder Tabletten erhältlich.

Darüber hinaus gibt es Präparate mit einem Extrakt. Bei einem Extrakt sind die wertgebenden Inhaltsstoffe aufkonzentriert, sodass man weniger Kapseln oder Tabletten einnehmen muss. Je nach Extraktionsrate und Hersteller sind dies pro Tag 250 bis 2.000 Milligramm Kapuzinerkresse-Extrakt sowie 50 bis 400 Milligramm Meerrettich-Extrakt. Da Extrakte unterschiedlich aufkonzentriert sein können, sollte man sich an die Angaben des Herstellers halten.

Tipp

Weitere Stoffe, die das Bakterienwachstum in den Harnwegen hemmen, sind Mannose [Link], Cranberry-Extrakt und Methionin. Sie verhindern unter anderem, dass sich die Bakterien an die Blasenwand anheften. Darüber hinaus können immunstärkende Mikronährstoffe helfen – zum Beispiel Vitamin C und Vitamin D, Selen sowie Zink. Auch die Einnahme von Probiotika bei Harnwegsinfekten ist vielversprechend.

Alles über die ergänzende Behandlung eines Harnwegsinfekts mit Mikronährstoffen erfahren Sie unter diesem Link.

Über die Autorin

Dr. med. Annette Balz-Fritz

Frau Dr. med Balz-Fritz ist niedergelassene Ärztin mit dem Schwerpunkt Urologie, Proktologie, Ernährungs- und Präventionsmedizin in einer urologischen Gemeinschaftspraxis. Sie erwarb im Februar 2001 die Zusatzqualifikation zur Ernährungsmedizinerin in DAEM/DGEM und qualifizierte sich zum Männerarzt (CMI Institut).  Frau Dr. med. Balz-Fritz ist Mitglied bei der Deutschen Akademie für Ernährungsmedizin (DAEM), bei der Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin und beim Berufsverband Deutscher Ernährungsmediziner.  Wenn ihre Arbeit in der gemeinsamen  Praxis und das Familienleben ihr noch Zeit lassen,  treibt sie gerne Sport und ist eine begeisterte Köchin.