Schon seit mehreren Jahren, konnte gezeigt werden, dass eine Gewebeazidose – definiert als ein lokaler Abfall des pH-Werts unter physiologische Werte – ein gemeinsames Merkmal zahlreicher schmerzhafter Zustände ist: Entzündungen, ischämische Ereignisse, Sepsis, Wunden, Infektionen, Tumorerkrankungen und degenerative Gelenkprozesse gehen regelmäßig mit einer lokalen Ansäuerung einher (Hajjar, Zhou. 2023).
Der Mechanismus ist evolutionär sinnvoll: Protonen gehören zu den ersten Signalmolekülen, die verletztes Gewebe freisetzt. Sie fungieren als unmittelbares Alarmsignal für umliegende Nervenfasern. Der pH-Abfall kann dabei erheblich sein: In der Synovialflüssigkeit bei rheumatoider Arthritis werden pH-Werte von durchschnittlich 6,6 gemessen, anstatt der physiologischen Werte von etwa 7,4-7,8; bei der Osteoarthritis liegt der pH-Wert bei 7,55 (Martin et al. 2025). Nach einem chirurgischen Eingriff bleibt der pH im Gewebe bis zu vier Tage abgesenkt und korreliert signifikant mit dem Schmerzverhalten – ein Hinweis darauf, dass eine Gewebeazidose auch postoperativen Schmerz wesentlich mitbedingt. (Woo et al. 2004).
Azidose löst eine Kaskade aus
Am Beispiel der Osteoarthritis konnte aus einer Kombination von Studien an menschlichem Gewebe (humane Knorpel- und Synovialbiopsien) sowie Tier- und Zellmodellen gezeigt werden, dass bei einer dauerhaften Senkung des pH-Werts im Gelenk mehrere Gewebestrukturen reagieren – mit jeweils eigenen Schadenmechanismen. Im Knorpel aktiviert saures Milieu säureabhängige Abbauenzyme, die Knorpelproteine zersetzen. Gleichzeitig wird ein wichtiges Aufbauprotein des Knorpels unterdrückt – der Knorpel verliert damit seine Regenerationsfähigkeit.
Azidose
- fördert im Synovium (Gelenkinnenwand) die Wanderung von Bindegewebszellen (Fibroblasten)
- steigert die Ausschüttung von Entzündungsbotenstoffen
- regt die Bildung neuer Blutgefäße an
Alle diese Prozesse können die Entzündung und Gewebsschäden verstärken. Auf neuronaler Ebene spielen die ASICs dabei eine entscheidende Rolle (Martin et al. 2025)
ASIC-Ionenkanäle: Die molekularen Schmerzsensoren
Acid-Sensing Ion Channels (ASICs) sind pH-sensible Ionenkanäle. Beim Menschen werden sie durch 5 Gene kodiert, die insgesamt 7 verschiedene Untereinheiten erzeugen (Dulai et al. 2021). Sie sind im peripheren und zentralen Nervensystem exprimiert.
Ihr Aktivierungsreiz ist denkbar einfach: Sinkt der pH-Wert, öffnen sich diese Kanäle, Natrium- und Calciumionen strömen ein, die Nervenmembran depolarisiert – ein Aktionspotential wird ausgelöst.
ASIC3 ist der funktionell bedeutsamste Kanal für die periphere Schmerzverarbeitung. Er ist vor allem in sensorischen Neuronen aktiv und hat eine besondere Eigenschaft: Bei anhaltender Gewebeazidose bleibt der Kanal geöffnet – er sendet also kontinuierlich Schmerzsignale, solange das Gewebe sauer ist (Dulai et al. 2021). Bestimmte Entzündungsmediatoren – wie Arachidonsäure und Lysophosphatidylcholin – können ASIC3 zusätzlich bereits bei weniger stark abgesenktem und sogar bei neutralen pH aktivieren. (Dulai, 2021).
ASIC1a ist der dominante Kanal im zentralen Nervensystem und vermittelt die zentrale Sensibilisierung: pathologisch abgesenkte Schmerzschwelle mit Hyperalgesie (gesteigerter Empfindlichkeit auf schmerzhafte Reize) und Allodynie (Schmerzempfindung auf nicht-schmerzhafte Reize) (Deval et al. 2010). Die Blockade von ASIC1a im Rückenmark erzeugt in Tiermodellen eine analgetische Wirkung (Deval et al. 2010).
Verstärkungsschleifen: Azidose und Entzündung bedingen sich gegenseitig
Die ASIC-Aktivierung fördert die Ausschüttung von Entzündungsmediatoren, die ihrerseits den lokalen pH-Wert weiter absenken und so die Empfindlichkeit der Ionenkanäle steigern. Gleichzeitig sensibilisiert ein niedriger pH-Wert sogenannte „stille Nozizeptoren", die normalerweise nicht auf mechanische Reize reagieren. Dies erzeugt anhaltende Schmerzantworten (Namer et al. 2015). In Zell- und Tiermodellen konnte gezeigt werden, dass es im Rahmen von Entzündungsprozessen zudem zur erhöhten Expression pronozizeptiver Ionenkanäle kommt, was die Schmerzsignalübertragung weiter amplifiziert (Duan et al. 2007; Messina et al. 2024; Martin et al. 2025). Kurz: Eine einmal etablierte Gewebeazidose kann einen Teufelskreis aus Entzündung und Schmerz aufrechterhalten.
Referenzen
- Deval E, Noël J, Gasull X, et al. (2010). Acid-sensing ion channels in postoperative pain. Pharmacology & Therapeutics, 128(3):549–558. doi: 10.1523/JNEUROSCI.5266-10.2011. https://www.jneurosci.org/content/31/16/6059.long
- Duan B, Wu LJ, Yu YQ, Ding Y, Jing L, Xu L, Chen J, Xu TL. Upregulation of acid-sensing ion channel ASIC1a in spinal dorsal horn neurons contributes to inflammatory pain hypersensitivity. J Neurosci. 2007 Oct 10;27(41):11139-48. doi: 10.1523/JNEUROSCI.3364-07.2007. https://www.jneurosci.org/content/27/41/11139.long
- Dulai JS, Smith ESJ, Rahman T (2021). Acid-sensing ion channel 3: an analgesic target. Channels, 15(1):94–127. doi: 10.1080/19336950.2020.1852831. https://www.tandfonline.com/doi/10.1080/19336950.2020.1852831
- Hajjar S, Zhou X. pH sensing at the intersection of tissue homeostasis and inflammation. Trends Immunol. 2023 Oct;44(10):807-825. doi: 10.1016/j.it.2023.08.008. https://www.cell.com/trends/immunology/abstract/S1471-4906(23)00162-X
- Martin WN, Hyde C, Yung A, Taffe R, Patel B, Premkumar A, Bhattaram P, Drissi H, Khan NM. Joint Acidosis and Acid-Sensing Receptors and Ion Channels in Osteoarthritis Pathobiology and Therapy. Cells. 2025 Oct 16;14(20):1605. doi: 10.3390/cells14201605. https://www.mdpi.com/2073-4409/14/20/1605
- Messina DN, Peralta ED, Acosta CG. Complex alterations in inflammatory pain and analgesic sensitivity in young and ageing female rats: involvement of ASIC3 and Nav1.8 in primary sensory neurons. Inflamm Res. 2024 Apr;73(4):669-691. doi: 10.1007/s00011-024-01862-z. https://link.springer.com/article/10.1007/s00011-024-01862-z
- Namer B, Hilliges M, Orstavik K, et al. (2015).Differential sensitization of silent nociceptors to low pH stimulation by prostaglandin E2 in human volunteers. European Journal of Pain, 19(2): 159-66. doi: 10.1002/ejp.532. https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/ejp.532
- Woo YC, Park SS, Subieta AR, Bhargava A (2004). Changes in tissue pH and temperature after incision indicate acidosis may contribute to postoperative pain. Anesthesiology, 101(2): 468–475. doi: 10.1097/00000542-200408000-00029.
https://journals.lww.com/anesthesiology/fulltext/2004/08000/changes_in_tissue_ph_and_temperature_after.28.aspx
Hier finden Sie eine Übersicht von nützlichen Studien rund um das Thema Säure-Basen.
Alle Aufzeichnungen und Handouts von Protina gesponsorten Webinaren finden Sie hier.
