Aminosäuren für das Immunsystem

Auch Eiweiße sind für eine starke Immunabwehr unverzichtbar

Mann tanzt vor einer Wand mit Aminosäuren-Graffiti
Ein funktionierendes Immunsystem ist Voraussetzung, dass Bakterien und Viren abgewehrt werden können – und das nicht nur in Zeiten der Corona-Pandemie. Bild: SIphotography/iStock/Getty Images Plus

Baustoff Aminosäuren – nicht nur für die Muskeln

Aminosäuren sind die Bausubstanz von Eiweißen. Nicht nur Muskeln und Organe sind aus Eiweißen aufgebaut, auch für unsere Immunzellen sind Eiweiße – also Aminosäuren – die Grundsubstanz. An die Wirkung der Aminosäuren auf das Immunsystem wird allerdings meist nicht gedacht. Wenn es um unsere Abwehrkräfte geht, denkt man typischerweise an Vitamine und Mineralstoffe wie Vitamin D, Vitamin C und Zink.

Bei Infektionen steigt jedoch der Eiweißbedarf. Immunzellen müssen sich innerhalb kürzester Zeit sehr schnell teilen und vermehren. Darüber hinaus müssen im Falle einer Infektion weitere Abwehrstoffe wie Antikörper gebildet werden. Auch dazu sind Aminosäuren nötig. Oft bedient sich unser Körper deshalb an den Eiweißen in den Muskeln.

Eine zu geringe Zufuhr kann sich demnach nicht nur durch einen Verlust der Muskelmasse äußern. Unsere Abwehrkräfte geraten so ebenfalls in Mitleidenschaft. Die Folgen können häufige Infektionen sein – zum Beispiel Erkältungen.

Unser Bedarf an Eiweißen und Aminosäuren

Im Normalfall brauchen gesunde Erwachsene laut Deutscher Gesellschaft für Ernährung (DGE) pro Kilogramm Körpergewicht täglich 0,8 Gramm Eiweiß. Bei einem Gewicht von 70 Kilogramm sind dies umgerechnet 56 Gramm pro Tag.

Im Falle einer Infektion steigt der Eiweißbedarf schlagartig an. Man schätzt, dass er zu dieser Zeit 20 bis 30 Prozent höher ist. Dies sind also ungefähr 1,0 Gramm Eiweiß pro Kilogramm Körpergewicht und Tag. Für eine 70 Kilogramm schwere Person bedeutet dies 70 Gramm Eiweiß pro Tag.

Vor allem ältere Menschen decken ihren Eiweißbedarf oft nicht ausreichend. Das könnte fatal sein, denn Senioren haben häufig ein höheres Risiko für Infektionen mit einem schweren Verlauf – zum Beispiel für einen schweren COVID-19-Verlauf hervorgerufen durch das Coronavirus SARS-CoV-2.

Info

Wichtig ist die Qualität der Eiweiße. Nicht alle Aminosäuren können für den Aufbau von Eiweißen gleich gut genutzt werden. Für die Qualität von Eiweißen wird der Begriff „biologische Wertigkeit“ verwendet. Diese gibt an, wie viel Gramm Körpereiweiß aus 100 Gramm Nahrungseiweiß gebildet wird. Vollei hat zum Beispiel eine biologische Wertigkeit von 100, Kartoffeln 98 und Mais dagegen nur 72. Je mehr lebensnotwendige (essenzielle) Aminosäuren im Eiweiß enthalten sind, desto hochwertiger ist es. Damit der Körper die Aminosäuren optimal nutzen kann, sollten daher verschiedene Eiweißquellen miteinander kombiniert werden – zum Beispiel Ei mit Kartoffeln.

Aminosäuren: Wirkungen auf das Immunsystem

Unsere Immunzellen und andere Abwehrstoffe bestehen größtenteils aus Aminosäuren. Bestimmte Aminosäuren dienen außerdem als „Brennstoff“: Während andere Zellen Kohlenhydrate zur Energiegewinnung nutzen, brauchen Immunzellen dafür bestimmte Aminosäuren (Glutamin oder verzweigtkettige Aminosäuren).

Darüber hinaus sind Eiweiße Bestandteil von Körperbarrieren wie der Darmschleimhaut. Zum Beispiel dienen Eiweiße als Verbindungen zwischen den Zellen (Tight junctions). Das dichtet die Darmschleimhaut ab. Starke Schleimhäute bedeuten wiederum, dass es Krankheitserreger wie Viren und Bakterien schwerer haben, in den Körper einzudringen.

Auch gibt es Aminosäuren, die Entzündungsbotenstoffe regulieren und damit verhindern, dass die Reaktionen zu stark ausfallen. Infektionen gehen immer mit Entzündungsprozessen einher, die in gewissem Maße für die Infektabwehr notwendig sind. Ein Zuviel zerstört jedoch das umliegende Gewebe.

Welche Aminosäuren sind für das Immunsystem besonders wichtig?

Vor allem essenzielle Aminosäuren sind wichtig und müssen über die Ernährung zugeführt werden. Alle anderen Aminosäuren können prinzipiell aus essenziellen Aminosäuren gebildet werden.

Folgende Aminosäuren sind für das Immunsystem jedoch besonders hervorzuheben:

  • Glutamin: Glutamin ist der wichtigste Brennstoff für Immun- und Dünndarmzellen. Wegen seiner Bedeutung für den Darm hilft es auch dabei, die Darmbarriere gegenüber Krankheitserregern zu stärken. Das ist vor allem bei Infektionen im Magen-Darm-Trakt wichtig. Bei einem akuten Infekt werden 3.000 Milligramm Glutamin pro Tag empfohlen, bei schweren Verläufen und stark abbauenden (katabolen) Zuständen auch mehr.
  • Arginin: Aus Arginin entsteht der Botenstoff Stickstoffmonoxid (NO). Dieser Botenstoff regt die Teilung von Immunzellen (Lymphozyten) an und fördert die Aktivität der Fresszellen. Gut versorgt ist man mit 3.000 Milligramm Arginin pro Tag (Achtung: nicht bei Herpes einsetzen).
  • Lysin: Lysin ist wie andere Aminosäuren am Aufbau von Bestandteilen des Immunsystems beteiligt. Zudem wirkt Lysin gegen Herpesviren: Es steht in Konkurrenz mit Arginin. Liegt im Akutfall viel Lysin im Körper vor (zum Beispiel dreimal täglich 1.000 Milligramm), wird die Verfügbarkeit von Arginin gesenkt. Herpesviren brauchen Arginin jedoch als Nahrung. Lysin kann daher die Vermehrung der Viren hemmen, indem es ihnen die Nahrung entzieht.
  • Methionin: Für die Bildung von Eiweißen hat Methionin eine besondere Rolle. Es ist die „Start-Aminosäure“, an die alle anderen angehängt werden, sodass ein vollständiges Eiweiß entsteht. Zudem säuert Methionin den Urin an, wenn es in einer täglichen Dosierung zwischen 1.500 und 3.000 Milligramm ergänzt wird. Diesen Effekt nutzt man in der Mikronährstoffmedizin bei akuten Harnwegsinfekten. In einer sauren Umgebung können sich krankmachende Bakterien schlechter vermehren.
  • Taurin: Taurin bremst als spezielle Verbindung (Taurin-Chloramin) die Bildung von entzündungsfördernden Stoffen. Dadurch werden Immunzellen sowie die umliegenden Gewebe vor Schäden durch Entzündungen geschützt. Bei einem schwachen Immunsystem oder Entzündungen können täglich 500 bis 1.000 Milligramm Taurin sinnvoll sein.

Info

Forscher gehen derzeit davon aus, dass neben Vitaminen und Co. für ein starkes Immunsystem in Zeiten der Corona-Pandemie auch die Zufuhr von Eiweißen keinesfalls vernachlässigt werden sollte. COVID-19-Betroffene können ebenfalls unterversorgt sein, da sich ihr Eiweißbedarf schlagartig erhöht. Vor allem bei schweren COVID-19-Verläufen findet im Rahmen der Entzündungsprozesse ein Eiweißabbau statt.

Verschiedene Organisationen wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfehlen bei einer Infektion mit dem Coronavirus deshalb eiweißreiche Lebensmittel, wie Fisch und Hülsenfrüchte, in Kombination mit einer vitamin- und mineralstoffreichen Ernährung.

Ist bei einer Coronavirus-Erkrankung eine ausgewogene Ernährung nicht möglich, raten einige Wissenschaftler sogar zur gezielten Ergänzung von Eiweißen, Vitaminen und Mineralstoffen. Dadurch kann der Bedarf sichergestellt werden.

Fazit

Nicht nur Vitamine und Mineralstoffe sind für starke Abwehrkräfte wichtig. Auch Aminosäuren leisten einen bedeutenden Beitrag. Der Körper braucht sie, um Immunzellen und andere Bestandteile des Immunsystems zu bilden sowie deren Funktion aufrechtzuerhalten. Deshalb steigt bei einer Infektion der Eiweißbedarf schlagartig an.

Bei einem leichten Infekt deckt eine eiweißreiche Ernährung den Mehrbedarf. Gut geeignet sind zum Beispiel Hülsenfrüchte wie Linsen, Fisch und eiweißreiche Milchprodukte wie Quark. Bei schweren Infekten sind im Rahmen der Mikronährstoffmedizin hochwertige Eiweißpräparate ratsam, die den Bedarf decken und vor allem essenzielle Aminosäuren enthalten sollten.

Auch wenn es um den gezielten Einsatz geht, sind Präparate ratsam, da die benötigte Menge meist nicht über die Nahrung zugeführt werden kann. Dazu gehört zum Beispiel Lysin bei Herpes oder Methionin bei einem Harnwegsinfekt.

Verzeichnis der Studien und Quellen

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Über die Autorin

Dr. med. Elke Mantwill

Frau Dr. med. Mantwill ist niedergelassene Fachärztin für Allgemeinmedizin. Sie  erwarb die Zusatzbezeichnungen in den Bereichen Ernährungsmedizin, Sportmedizin, Phlebologie und Akupunktur. Die Tätigkeitsschwerpunkte in ihrer allgemeinmedizinischen Praxis sind Ernährungs- und Sportmedizin. Seit 2000 beschäftigt sie sich mit der Orthomolekular-Medizin und ist seit 2002 als Referentin im Bereich der Ernährungs- und Orthomolekularmedizin aktiv. Als begeisterte Ausdauersportlerin führt sie zudem Ernährungsberatungen für Leistungssportler durch.