Probiotika und bioaktive Pflanzenstoffen für die Gefäßgesundheit?

Die Darmflora kann über die Darm-Gefäß-Achse die Gefäßalterung modulieren: Eine Dysbiose fördert Entzündungen und oxidativen Stress, während nützliche Bakterien schützen könn(t)en.

Obst und Gemüse liefern Ballaststoffe und weitere sekundäre Pflanzenstoffe. Diese bioaktiven Substanzen können eine gesundheitsfördernde Darmflora unterstützen. Beides zusammen kann die Gefäßgesundheit positiv beeinflussen. Bild: Prostock-Studio/iStock/Getty Images Plus

Laut jüngsten Forschungsergebnissen kann die Darmflora (Darmmikrobiota oder Darmmikrobiom) die Gefäßgesundheit maßgeblich beeinflussen. Ein Übersichtsartikel beleuchtet, wie Darmbakterien und ihre Stoffwechselprodukte auf die Gefäßalterung wirken – und somit auch auf die Herz-Kreislauf-Gesundheit entscheidend Einfluss nehmen können. Sie betrachtet überdies, welche Rolle Probiotika und bioaktive Naturstoffe bei der Modulation der Darmflora und damit für die Gesundheit unserer Blutgefäße spielen können.

Gefäßalterung fördert Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Die Gefäßalterung trägt maßgeblich zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei. Sie ist durch strukturelle und funktionelle Veränderungen der Blutgefäße gekennzeichnet. Typisch sind:

  • Arterienverdickung,
  • Bildung von Plaques („Verkalkung“) und
  • erhöhte Steifigkeit/verminderte Elastizität.

Diese altersbedingten Veränderungen können durch krankhafte Zustände – wie chronische Entzündungen, oxidativen Stress und Stoffwechselstörungen (zum Beispiel erhöhte Cholesterinwerte) – beschleunigt werden. In der Folge kommt es zu einer Funktionsstörung der inneren Gefäßwand (Endotheldysfunktion), die unter anderem das Fortschreiten von Erkrankungen wie Bluthochdruck, koronarer Herzkrankheit (KHK) und Schlaganfall fördern kann.

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Wichtige Mittler der Darm-Gefäß-Achse

Darmbakterien beeinflussen nicht nur die Verdauung und die Darmgesundheit, sondern können über Strukturkomponenten ihrer Außenhülle und über ihre Stoffwechselprodukte auf den gesamten Körper wirken. Forschende sprechen von verschiedenen Achsen. Eine davon ist die Darm-Gefäß-Achse, die zum Beispiel über Entzündungsreaktionen Einfluss auf die Funktion des Endothels – der inneren Gefäßwand – nehmen kann.

An der Gefäßgesundheit beteiligt sind verschiedene Signalwege. Negativ wirken können:

  • Lipopolysaccharide (LPS): Diese Strukturkomponenten sind Bestandteile der Zellwand gramnegativer Bakterien. In großer Zahl können sie Entzündungen und oxidativen Stress auslösen, die Gefäßschäden begünstigen. Zudem können LPS zur Entstehung von Arteriosklerose beitragen und das Thromboserisiko erhöhen.
  • Gallensäuren: Verschiedene Darmbakterien wandeln primäre Gallensäuren in sekundäre Gallensäuren um. Diese können zu oxidativem Stress und Entzündungen führen, was wiederum eine endotheliale Dysfunktion und ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko zur Folge haben kann.
  • Trimethylamin-N-oxid (TMAO): Bestimmte Darmbakterien können Cholin, Phosphatidylcholin und Carnitin aus unserer Nahrung in Trimethylamin (TMA) umwandeln, das unsere Leber zu TMAO oxidiert. TMAO steht im Verdacht, Entzündungen und oxidativen Stress zu fördern, die die Funktion des Endothels beeinträchtigen und die Zellalterung sowie die Entwicklung von Arteriosklerose beschleunigen.
Ablagerungen (Plaques) in den Gefäßen bei einer Arteriosklerose können den Blutfluss einschränken. Bild : Dr_Microbe/iStock/Thinkstock

Andererseits gibt es vorteilhaft wirkende Stoffwechselprodukte, die von als nützlich klassifizierten Darmbakterien gebildet werden:

  • Kurzkettige Fettsäuren (SCFA): Bauen gesundheitsfördernde Darmbakterien Ballaststoffe ab, entstehen Buttersäure (Butyrat), Essigsäure (Acetat) und Propionsäure (Propionat). Diese wirken antientzündlich und antioxidativ – allen voran die Buttersäure. Zudem dienen sie als wichtige Signalgeber: Butyrat steigert die endotheliale NO-Produktion, die für die Gefäßerweiterung und die allgemeine Endothelfunktion entscheidend ist. Propionat kann helfen, den Blutdruck zu senken. Zudem liefern SCFA den Endothelzellen Energie.

Wie wirkt Stickstoffmonoxid (NO) in Gefäßen?

Stickstoffmonoxid (NO) ist für unsere Blutgefäße ein essenzielles Molekül. Es dient als Signalgeber in der Innenwand und entspannt die glatte Muskulatur. Somit erweitert es die Gefäße (Vasodilatation), verbessert die Durchblutung sowie die Sauerstoffversorgung und senkt den Blutdruck. Gleichzeitig wirkt es Blutgerinnseln und Thrombose entgegen und trägt zum Schutz vor Gefäßverkalkung (Arteriosklerose) bei.

Entzündliche Prozesse können die Verfügbarkeit von NO verringern und damit die Gefäßfunktion beeinträchtigen.

Können Probiotika die Gefäßgesundheit verbessern?

Viele probiotische Präparate enthalten Milchsäurebakterien wie Laktobazillen. Sie zählen in der Regel zu den gesundheitsfördernden Darmbakterien. Bild : ClaudioVentrella/iStock/Getty Images Plus

Die Zusammensetzung unserer Darmflora ist individuell, trotzdem gibt es Bakterienarten, die bei vielen Menschen im Darm vorkommen. Sie können sich dennoch teilweise in ihren Fähigkeiten unterschieden, deshalb erfolgt eine weitere Einteilung in Stämme. Sie werden durch Buchstaben oder Zahlen, die dem Artnamen angehängt werden, gekennzeichnet.

Auch wenn noch Forschungsbedarf besteht, werden bestimmte Darmbakterien als krankheitsfördernd – zumindest, wenn sie in großer Zahl vertreten sind – und andere als gesundheitsfördernd angesehen. Vertreter letzterer wurden aus gesunden Menschen isoliert – sie werden vielfach als probiotische Präparate angeboten. Dazu gehören:

  • viele Laktobazillen: zum Beispiel Lactobacillus rhamnosus GG oder L. plantarum 299v
  • Bifidobakterien: beispielsweise Bifidobacterium lactis HN019
  • Bacteroides- Arten: wie B. vulgatus und B. dorei

Eine Reihe von Probiotika kann Immunreaktionen modulieren, pro- und antientzündliche Aktivitäten ins Gleichgewicht bringen und übermäßige Entzündungsreaktionen dämpfen. Damit können sie die Gefäßalterung lindern. Zudem scheinen verschiedene Bakterienarten die Endothelfunktion direkt zu beeinflussen und auch zu helfen, den Blutdruck zu regulieren. Darüber hinaus können bestimmte probiotische Bakterien die Stoffwechselgesundheit verbessern und beispielsweise Cholesterinwerte senken. Allerdings sind viele dieser Erkenntnisse aus Tiermodellen gewonnen worden und ihre vorteilhafte Wirkung muss noch in klinischen Studien für Menschen belegt werden.

Gesundheitsfördernde Darmflora mit Pflanzenkraft unterstützen

Da die Zusammensetzung der Darmflora Auswirkungen auf unsere Gesundheit hat, ist es sinnvoll, gesundheitsfördernde Darmbakterien durch unsere Ernährung zu unterstützen. So fördert beispielsweise der ausreichende Verzehr von Ballaststoffen die mikrobielle Produktion der vorteilhaften kurzkettigen Fettsäuren. Eine stark eiweißhaltige Ernährung unterstützt hingegen die Vermehrung Eiweiß-abbauender Darmbakterien, der sogenannten Proteolyten, die auch als Fäulniskeime bezeichnet werden. Viele davon sind gramnegativ, tragen also LPS auf ihrer äußeren Membran. Obendrein können sie Leber-belastende Stoffwechselprodukte produzieren – genauso wie TMA, aus dem das potenziell Atherosklerose-fördernde TMAO entsteht.

Zahlreiche bioaktive Verbindungen aus Naturprodukten können die Gefäßalterung positiv beeinflussen, indem sie entzündungshemmend und antioxidativ wirken. Darüber hinaus können sie die Endothelfunktion verbessern, den Blutdruck regulieren und den Fettstoffwechsel optimieren. Einen Teil ihrer positiven Effekte entfalten sie direkt, einen Teil vermittelt über die Darmflora, die sie verstoffwechselt. Zudem bewirken diese Naturstoffe Veränderungen in der Darmflora, entweder in der Zusammensetzung oder in ihrem Stoffwechsel.

Resveratrol steckt in roten Trauben, Traubensaft und Rotwein, aber auch in Erdnüssen und Mikronährstoffpräparaten. Bild : sb-borg/iStock/Getty Images Plus, jetFoto/iStock/Getty Images Plus

Diese bioaktiven Substanzen – sogenannte sekundäre Pflanzenstoffe – finden sich vor allem in Obst und Gemüse sowie in Nüsse und Samen, aber auch in grünem und schwarzem Tee, in Kaffee oder (dunkler) Schokolade. Zum Teil gibt es sie angereichert in Mikronährstoffpräparaten. Dazu gehören:

  • Flavonoide: Quercetin, EGCG, Kaempferol – sie sind in Beeren, Zitrusfrüchten, Äpfeln, Zwiebeln, Brokkoli, grünem Tee, Kakao und Rotwein enthalten
  • Andere Polyphenole: Resveratrol – in Erdnüssen, Trauben und Beeren (roten Trauben), Chlorogen- und Ellagsäure
  • Ballaststoffe (komplexe Kohlenhydrate): Inulin, Pektin, β-Glucan
  • Alkaloide: Koffein, Capsaicin
  • Phytosterole: β-Sitosterol, Stigmasterol. 

Als Beispiel sei Resveratrol genannt, ein Polyphenol: Es moduliert die Darmflora, indem es das Wachstum nützlicher Bakterien wie Akkermansia, Lactobacillus und Bifidobacterium anregt. Zudem kann es die Produktion kurzkettiger Fettsäuren steigern, den Gallensäurestoffwechsel verändern und den TMAO-Spiegel senken. So kann Resveratrol Gefäßentzündungen und oxidativen Stress reduzieren. Darüber hinaus kann es die NO-Produktion anregen und vor Gefäßsteifigkeit schützen. Das alles bremst die Alterungsprozesse unserer Blutgefäße und kann somit zum Schutz vor altersbedingten Herz-Kreislauf-Erkrankungen beitragen.

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Ausblick: Ziel ist die personalisierte Behandlung

Gefäßgesundheit und Herz-Kreislauf-Erkrankungen hängen eng zusammen. Bild : Motortion/Adobe Stock

Die Gefäßalterung ist ein komplexer Prozess. Neben Entzündungen und oxidativem Stress spielen auch die Dysfunktion von Mitochondrien und zelluläre Alterungsprozesse (Seneszenz) sowie der programmierte Zelltod (Apoptose) eine Rolle. In viele Prozesse können unsere Darmbakterien eingreifen, indem sie unseren Stoffwechsel über ihre eigenen Stoffwechselprodukte beeinflussen. Die Zusammensetzung der Darmflora ist insbesondere auch für pro- und antientzündliche Effekte entscheidend.

Um die Darmflora zu regulieren und in die Gefäßalterung einzugreifen, könn(t)en bioaktive Naturstoffe und probiotische Bakterien hilfreich sein. Optimal wäre ein personalisierter Einsatz, das heißt, Ernährung und Probiotika-Einnahme würden abgestimmt auf die individuell vorliegende Bakterienzusammensetzung. Allerdings tragen Faktoren wie Genetik, Alter, allgemeine Ernährung, Medikamenteneinnahme und Krankheitsstatus zu unterschiedlichen Wirkungen bei.

Zusammenfassung

Unsere Darmflora steht in enger Verbindung mit der Gefäßalterung: Ein Ungleichgewicht (Dysbiose) fördert Entzündungen und oxidativen Stress, aber auch Gefäßsteifigkeit und Verkalkung (Arteriosklerose). Dabei spielen sowohl Strukturkomponenten der Bakterien wie LPS als auch Stoffwechselprodukte wie sekundäre Gallensäuren oder TMA – als TMAO – eine wichtige Rolle. Nützliche Bakterien hingegen können vielfach antientzündlich wirken und die Blutgefäße schützen.

Probiotika und bioaktive Pflanzenstoffe können die Darmflora positiv beeinflussen und die Produktion von kurzkettigen Fettsäuren steigern. Diese haben antientzündliche Effekte und können Zellen mit Energie versorgen. Darüber hinaus können verschiedene probiotische Bakterien und Naturstoffe die Endothelfunktion verbessern, die Verfügbarkeit von Stickstoffmonoxid (NO) erhöhen und den Blutdruck sowie Cholesterinwerte günstig beeinflussen.

Bioaktive Verbindungen, die dazu beitragen, die Gefäßalterung abzubremsen, stammen vor allem aus Obst und Gemüse, Nüssen und Samen, Tee und Kaffee sowie aus dunkler Schokolade (z. B. Flavonoide, Resveratrol, Ballaststoffe).
Der Effekt hängt auch von der eigenen Darmflora ab; eine personalisierte Ernährung und Probiotika-Nutzung könnten künftig optimale Ergebnisse liefern.

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FAQ

Was passiert bei der Gefäßalterung?

Im Verlauf der Alterung verändern sich die Blutgefäße strukturell: Die Gefäßwände verdicken, werden steifer und es lagern sich Plaques ab. Entzündungen, oxidativer Stress und Stoffwechselstörungen wie erhöhte Cholesterinwerte befeuern dies. Dadurch wird die Funktion der Gefäße beeinträchtigt; das erhöht das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Bluthochdruck, koronare Herzkrankheit (KHK) und Schlaganfall.

Wie beeinflussen Darmbakterien die Gefäßgesundheit?

Zahlreiche Darmbakterien – insbesondere gramnegative Bakterien – können mittels Strukturkomponenten ihrer äußeren Membran (LPS) und/oder durch ihre Stoffwechselprodukte Entzündungen und oxidativen Stress auslösen. Diese wirken sich negativ auf die Gefäße aus und treiben so die Alterung voran. Nützliche Bakterien hingegen können kurzkettige Fettsäuren bilden, die antientzündlich und antioxidativ wirken, und zudem die Produktion des wichtigen Stickstoffmonoxids (NO) anregen. Sie tragen so zum Schutz der Gefäßgesundheit bei.

Welche Vorteile bieten Probiotika für die Gefäßgesundheit?

Probiotika sind „lebende Mikroorganismen, die, in ausreichender Menge verabreicht, dem Wirt einen gesundheitlichen Nutzen bringen“. Häufig können sie die Zahl nachteilig wirkender Darmbakterien verringern. Oft produzieren sie zudem antientzündlich und antioxidativ wirkende kurzkettige Fettsäuren und können teilweise direkt auf die Gefäßgesundheit wirken – zum Beispiel, weil sie Cholesterinwerte oder den Blutdruck senken können.

Wie wirken bioaktive Pflanzenstoffe auf die Gefäßalterung?

Bioaktive Pflanzenstoffe – auch sekundäre Pflanzenstoffe genannt – können direkt auf die Blutgefäße wirken, zum Beispiel, weil sie antioxidative Eigenschaften besitzen oder die Bildung von Stickstoffmonoxid (NO) fördern können. Außerdem können sie nützliche Darmbakterien unterstützen, verändern also die Zusammensetzung der Darmflora positiv. Deren Stoffwechselprodukte wiederum können dann vorteilhafte Wirkungen auf die Gefäßgesundheit entfalten und die Gefäßalterung bremsen.

Verzeichnis der Studien und Quellen

Hill C et al. Expert consensus document. The International Scientific Association for Probiotics and Prebiotics consensus statement on the scope and appropriate use of the term probiotic. Nat Rev Gastroenterol Hepatol. 2014; 11: 506–14. https://www.nature.com/articles/nrgastro.2014.66

Informationsdienst Wissenschaft (idw). (Stand: 03.04.2002): Stickstoffmonoxid geht im Körper andere Wege als bislang vermutet. https://idw-online.de/de/news46191, , zuletzt abgerufen am 01.04.2026.

Li J et al. Targeting Gut Microbiota to Combat Vascular Aging and Cardiovascular Disease: Mechanisms and Therapeutic Potential. Nutrients. 2025 Sep 6; 17 (17): 2887. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12430561/

Natur + Pharmazie (01.2026): Das Darmmikrobiom als Schlüssel zur Gefäßgesundheit.  https://www.naturpharmazie.de/nachrichten/das-darmmikrobiom-als-schluessel-zur-gefaessgesundheit/, zuletzt abgerufen am 01.04.2026.

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